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Essenzielles für die Sammlung

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  #1  
Alt 22.11.09, 15:17
Benutzerbild von boneless
einfach aber simpel
 
Registriert seit: 12.2007
Ort: Naked City
Beiträge: 10.945
Geschlecht: Männlich
Essenzielles für die Sammlung

in der flut von neuveröffentlichungen, alten klassikern und 10000 alben, die man so zwischendrin entdeckt, werden wahre edelsteine oft übersehen.kleinode, die alben, die man im plattenkoffer für die einsame insel schnell mal vergessen würde, um dann noch mehr zu staunen,falls man sie mal wieder zufällig entdeckt hat.

um solche platten soll es in diesem thread gehen.persönliche lieblingsmusik, die vllt. nicht jeder kennt, liebt und schätzt.vermeintlich kleine künstler mit großen alben.warum nicht in die welt hinausschreien, was die leute verpassen würden, wenn sie einem bestimmten album kein gehör schenken?

am besten eine platte auswählen, die einem schon immer viel bedeutet hat.und dann eventuell eine kleine liebeserklärung dazu schreiben.

ich fange mal an:

Soulwax - Much against everyone's advice (1998)



was fällt einem zu belgien ein, wenn es um zeitgenössische musik geht?sicher, dEUS, die götter und eventuell noch zita zwoon, nemo und ghinzu.aber dann hörts schon auf.gut, verglichen mit der größe des landes nicht unbedingt verwunderlich.ein rar gesähtes gebiet.aber halt: da wären ja noch soulwax.ein band, gegründet von einem brüderpaar 1995. erste gehversuche mit demos und debut blieben zwiespältig und nicht unbedingt hörenswert...doch dann machte man sich daran, ein album zu entwerfen, welches sämtliche herzen der indierockliebenden welt höher schlagen lassen sollte.jedenfalls jene, die es hören wollten.
denn soulwax lieferten 1998 mit much against everyone's advice die blaupause für tanzbaren indierock mit anspruch, herz und hirn.verpackt in einem atemberaubend schönen artwork (die cd-version kommt im booklet mit mehreren vinyl-ausgaben der platte daher) tummeln sich 14 musikalische goldstücke.14 chamäleons.kein song ähnelt dem anderen.hits wie conversation intercom, der titeltrack oder die unsterblichen "kracher" saturday und too many dj's stehen neben sehnsüchtig ruhigen süchtigmachern wie when logics die, the salty knowledge of tears oder flying without wings.elektronik und gitarren.ruhe und krach.on top die wunderbaren stimmen der beiden brüder, die sich so nahtlos ergänzen,wie das brüderpaarstimmen immer tun sollten.indierock ohne scheuklappen, in perfektion, als ganzes.ein meisterwerk an unterschieden,welche im gesamten trotzdem wie aus einem guss erscheinen.der zenit einer band, die danach leider nur ein arg durchschnittliches album sowie etliche remixe älteren materials veröffentlichte und offensichtlich der schweren bürde dieses geniestreiches nicht mehr gewachsen scheint.nur so lassen sich die ungezählten musikalischen ausreißer erklären. (zum bsp. das ungemein erfolgreiche bastardpop-projekt too many dj's der beiden brüder dewaele).
__________________
a flower
will open
on the grave

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  #2  
Alt 22.11.09, 15:22
Benutzerbild von spreewaldgurkenfee
confuzzled
 
Registriert seit: 08.2008
Beiträge: 3.205
Echt schöner Thread. Kann ich ja mal zweckentfremden und die bereits geposteten Reh-Wüüs meiner All-Time-Lieblinge hier posten...handelt es sich bei diesen doch oft ebenfalls um eher übersehene (persönliche) Klassiker.
__________________
When I was young, I invented an invisible friend called Mr. Ravioli. My psychiatrist says I don't need him anymore, so he just sits in the corner and reads.
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  #3  
Alt 22.11.09, 15:35
Benutzerbild von boneless
einfach aber simpel
 
Registriert seit: 12.2007
Ort: Naked City
Beiträge: 10.945
Geschlecht: Männlich
wäre eine idee.

von mir werden sicher auch noch ein paar kleine schmuckstücke gepostet.
__________________
a flower
will open
on the grave

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  #4  
Alt 22.11.09, 16:19
Benutzerbild von ode to the sun
Name-Drops
 
Registriert seit: 11.2007
Ort: Osnabrück
Beiträge: 4.368
Geschlecht: Männlich
Khoma - The Second Wave
Cult Of Luna Nebenprojekt das eher in RIchtung atmosphärischer-epischer-melancholischer Alternativerock geht.

Hier findet sich emotionaler an dredg zu El Cielo zeiten erinnernder Gesang mit intelligenten Texten und teils schleppende atmosphärische Gitarren.

Unglaublich emotional, intensive und sehr gutes abwechslungsreiches Songwritng

Von der Stimmung her fragil, schleppend, sowohl zerbrechlich introvertiert als auch lautere Ausbrüche.

Der Sänger elistet mit Wechseln von tieftraurigem Falsettgesang bis hin zu lauterenAusbrüchen, ähnlich wie der Rest der Musiker großes.

Gebalte Emotion.

Geändert von ode to the sun (22.11.09 um 16:25 Uhr).
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  #5  
Alt 22.11.09, 16:50
Benutzerbild von Tortenheber
glaubwürzig
 
Registriert seit: 08.2008
Ort: Am See
Beiträge: 1.042
Geschlecht: Männlich
Ed Fred

Wird auf Sammlungskompatibilität überprüft.

@ f33: Wo bleiben die Reviews!
__________________
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  #6  
Alt 22.11.09, 16:56
Benutzerbild von spreewaldgurkenfee
confuzzled
 
Registriert seit: 08.2008
Beiträge: 3.205
Zitat:
Zitat von Tortenheber Beitrag anzeigen
@ f33: Wo bleiben die Reviews!
Et voilà, hier schon mal die ersten 15:


46. Menace Ruine – The Die Is Cast



Auf genau zwei farbenprächtig schimmernde Töne, zwei donnernde Paukenschläge stützt sich „One Too Many“, der Opener von „The Die Is Cast“. Starren Blickes und trägen Schrittes schleppt sich das Stück, angeführt von Sängerin Geneviéve, durch die Trümmer, die „Cult of Ruins“ hinterlassen hat. Die Entwicklung gegenüber dem Vorgänger ist bemerkenswert: War das ebenfalls 2008 erschienene „Cult of Ruins“ noch recht eindeutig als (experimenteller, sehr noisiger) Black Metal klassifizierbar, spielt das kanadische Duo auf dem fatalistisch betiteltem Nachfolger eine einzigartige Mischung aus mittelalterlich anmutendem (Neo)Folk und tonnenschwerem, monolithischem Drone Doom. Fast schon klingt es wie die Vision von Nico meets Nadja, Lisa Gerrard meets Sunn O))). Die Folk-Einflüsse sind teils auf die verwendeten Instrumente selbst („Utterly Destitute“), teils auf die Art, wie diese gespielt werden, zurückzuführen, vor allem aber auf die schlichten und ergreifenden, hymnischen Melodien, die Sängerin Geneviéve intoniert. Ihr wunderbarer, an Nico erinnernder Gesang steht auf „The Die Is Cast“ wesentlich weiter im Vordergrund als auf dem Vorgänger, trägt mal die Stücke, schwebt mal über ihnen.

Herzstück des Albums ist die fast 17-minütige Black Metal-Elegie „The Bosom of the Earth“. Selten wurden Instrumente so in den Dienst eines kaleidoskopartig schimmernden Klangs gestellt, selten wurden Schönheit und Brutalität, die Begriffe „zerstörend“ und „reinigend“ so nahe zusammengebracht, zur gegenseitigen Bedingung gemacht, höchstens noch von Wolves in the Throne Room...nein, eigentlich nicht einmal von denen. Wenn nach ca. 2:40 Minuten von beinahe gleichbleibend dröhnenden Melodiefetzen die an die Black Metal-Wurzeln des Duos erinnernden Drums einsetzen und sich im weiteren Songverlauf wolkenbruchartig entladen, gleicht das einer überwältigenden Naturgewalt. Dass dabei im Stück nur wenig Variation stattfindet, tut absolut nichts zur Sache, eher lädt die Struktur von „The Bosom of the Earth“ dazu ein, sich in dieser durchaus facettenreichen Monotonie zu verlieren. Nach ca. neuneinhalb Minuten bleibt nur noch ein Dröhnen übrig, die Gewitterwolken verziehen sich langsam, wie vereinzelte Sonnenstrahlen streicht der Gesang von Geneviéve über das verwüstete Land.

„The Die Is Cast“ ist ein stetig wachsendes und dabei immer fordernd bleibendes Album. Es ist, als ob man sich einem Berg nähert und sich dabei nicht der Tatsache, dass dieser im Grunde nicht zu erklimmen ist, sondern nur seiner eigentlichen Größe bewusst wird. Vor allem aber beweisen Menace Ruine mit „The Die Is Cast“ allen Zweiflern und Frustrierten, dass Originalität und Innovation auch anno 2008 noch möglich sind. Prädikat: besonders wertvoll.

YouTube - Menace Ruine - One Too Many
YouTube - Menace Ruine - Utterly Destitute
Menace Ruine ? The Bosom of the Earth ? Kostenlos Musik hören bei Last.fm

45. PJ Harvey – Rid of Me



Neulich bei „Wer wird Millionär?“: Was ist das dreckigste, rohste, sprödeste, ungeschliffenste, obsessivste, hässlichste Rockalbum, das jemals veröffentlicht wurde? a) Vielleicht etwas von Nick Caves guter alter Geburtstagsparty oder auch das Debüt mit den Bad Seeds? b) The Stooges – Raw Power? c) Irgendetwas von The Fall? Oder doch d) „Sour Mash“ von den australischen Swamprockern Beasts of Bourbon? Nicht schlecht, aber alles falsch, denn die richtige Antwort ist e) PJ Harvey – Rid of Me. Es ist der Nachfolger des ähnlich schmucklosen Debüts „Dry“ von 1991 der damals Anfang-Zwanzigjährigen und die Weiterentwicklung dessen, was dort bereits mehr als nur in den Grundzügen erkennbar war und lässt gleichzeitig nicht den geringsten Rückschluss darauf zu, was noch folgen sollte. In Zukunft sollte sich Harvey als ätherisches, gespenstisches Wesen auf „Is This Desire“ präsentieren, als kühle, verführerische scheinbar Unberührbare mit theatralischen Gesten auf „To Bring You My Love“, als schwacher Schatten ihrer Selbst auf „White Chalk“, sie kann in die verschiedensten Rollen schlüpfen und konnte doch zwei Dinge, die „Rid of Me“ ausmachen, auf keinem der Folgealben wiederholen, höchstens simulieren.

Das wäre zum Einen ein absolut typischer Bandsound. In den frühen Jahren war PJ Harvey tatsächlich noch keine Singer/Songwriterin im engeren Sinn, hinter dem Namen verbarg sich ein Bandkollektiv. Zum anderen wäre das die hier zum Konzept erhobene, zelebrierte Imperfektion. Es kracht und scheppert an jeder Ecke, Harvey schreit und stöhnt jenseits jeder Tonleiter, das Songwriting ist nur ein notwendiges Übel, um abgründige, gern verschwiegene Gefühle zu kanalisieren. Bei „Rid of Me“ fließt Blut. Das macht es eher zu einem Album für den Moment als für die Ewigkeit, aber wen kümmert’s, solange es läuft? „Rid of Me“ ist Liebeserklärung und Morddrohung, Leid, Schmerzen und Lusthöhepunkt zugleich. Wenn sie im Opener und Titeltrack klarmacht, dass man sie noch lange nicht los ist, wenn sie in „Legs“ „but I could kill you instead“ vorschlägt und in „Man-Size Sextet“ die paranoiden Streicher an den Nerven zerren, dann ist man auf der Flucht und dieser wilden Furie doch längst verfallen. Eigentlich fast schon müßig zu erwähnen, dass für den herrlichen Garagensound des Albums sich Steve Albini höchstpersönlich verantwortlich zeigte.

YouTube - PJ Harvey Rid of Me
YouTube - PJ Harvey Legs 1995
YouTube - PJ Harvey-Man Size Sextet

44. The Gault – Even As All Before Us



The Gault war ein kurzlebiges Künstlerkollektiv mit Querverbindungen zu Mitgliedern von unter anderem der Black Metal-Formation Weakling, der Neoklassik-/Neofolk-Band Amber Asylum, der Funeral Doom-Gruppe Asunder und den Indie Rockern von The Fucking Champs. Das ist insofern gut zu wissen, als dass es die Rastlosigkeit und Umtriebigkeit der Mitwirkenden aufzeigt. Ähnlich wie bei Weakling war die Existenz der Band von kurzlebiger Natur, nach nur einem Album, dessen Veröffentlichung wie auch bei „Dead as Dreams“ etwaige Turbulenzen mit sich zog, löste man The Gault auf, da man der Meinung war, in dieser Stilistik bereits alles gesagt zu haben, was man zu sagen hatte. Ein musikalischer Vergleich verbietet sich jedoch von vornherein, The Gault projizieren ihre Visionen von Leere, Isolation, Depression und desolaten, tristgrauen Landschaften auf eine höchst eigenständige Leinwand aus Old School-/Proto-Darkwave und staubtrockenem, Stoner-angehauchtem Doom Metal. Die Gitarren wabern schummrig, undurchsichtig und monoton, das rhythmische Fundament verharrt in Trägheit. In dieser verlassenen, unwirtlichen Kulisse taumelt Sänger Ed Kunakemakorn in gleicher Hilflosigkeit und Verwirrung wie der Hörer. Man muss es einfach selbst gehört haben, um nachzuvollziehen, was mit diesem Gesang und schlichten, aber akzentuierten musikalischen Mitteln für eine Atmosphäre aufgebaut wird; wahrlich, in einigen der meist überlangen Stücke kotzt er Emotionen! Als besonders gutes Beispiel dafür dient „County Road, Six Miles In“; es wird in der ersten Hälfte eine bedrohliche, trübe Nebelwand aufgebaut, die Spannung wird angesichts der schmerzverzehrten Schreie von Ed Kunakemakorn und der gleichsam trägen und repetitiven wie verstörenden und vehementen Gitarren unerträglich, geradezu filmreif. Teilweise wird er gesanglich von Lorraine Rath unterstützt. Ihr Gesang hat die schöne Eigenschaft, ähnlich dem Jarboes, beim Hörer Schauer über den Rücken laufen zu lassen, bei denen man nicht genau bestimmen kann, ob diese angenehmer oder unangenehmer Natur sind. Exemplarisch dafür steht neben „County Road, Six Miles In“ „The Shore Becomes The Enemy“, der wohl metallischste Titel des Albums; das Stück ist von einer beispiellosen Weltabgewandtheit und einem starren Fatalismus gezeichnet. Getragen von schwerfällig wogenden Stoner Rock-Wellen segelt es in das Trübe, Graue, Endlose, in die Versenkung.

„Even As All Before Us“ orientiert sich in atmosphärischer Hinsicht an Vorzeige-Genreklassikern wie „Closer“ (Joy Division), „Virus Meadow“ (And Also the Trees) und „A Day In The Stark Corner“ (Lycia). Zwar ist die persönliche Bedeutung von genannten Klassikern (teilweise) noch etwas größer, doch so sehr wie EAABU in letzter Zeit in meiner Gunst gestiegen ist, könnte sich das bald ändern. Ein schwieriges, großflächig angelegtes, irgendwie anmutiges Werk, das Manifest der Tristesse und post-Weltuntergangsästhetik in diesem Jahrzehnt.

The Gault bei MySpace Music - Kostenlos MP3s anhören, Bilder & Musikvideos ansehen


43. Foetus – Nail



Das böse, schlimme, gemeine Leben mit seinen unzähligen Fallen ist ja etwas, was Musiker gerne mit Mollakkorden, melancholischen Melodien und äußerster Ernsthaftigkeit vertonen, und die Apokalypse selbst ist ja etwas, was wir uns gerne als etwas Finsteres und Unheilvolles, als absolute Endgültigkeit, als eine schwarze Decke über der Welt vorstellen. Jim Thirlwell, zynisches Chefarschloch hinter Foetus, dem bekanntesten und gebräuchlichsten seiner unzähligen Pseudonyme, hat es sich auch zur Aufgabe gemacht, das böse, schlimme, gemeine Leben, die Apokalypse und so weiter und so fort zu vertonen, lässt es sich aber dabei nicht nehmen, den Thematiken auch gehörig die Hose runterzuziehen. In seinen überaus brillanten Texten ärgert er sich mit knirschenden Zähnen und immer einer gewissen Ironie und Verächtlichkeit darüber, wie andere sich über kalt gewordenen Kaffe und den unliebsamen Montagmorgen ärgern. Auch die musikalische Untermalung sucht auch nach fast einem Vierteljahrhundert noch Ihresgleichen. Da tanzt Industrial einen beschwingten Boogie mit moderner Klassik, da fährt der Rock’n’Roll mal eben ein ganzes Orchester gegen die Wand, da haben Eingängigkeit und Tanzbarkeit genauso eine Berechtigung wie Lärm und Avantgarde, da treffen Panik und Hyperaktivitätsswing auf unantastbare Coolness, da trieft der Wahnsinn und das Chaos aus jeder Note. „Nail“ ist geradezu theatralische, comichaft bunte und tiefschwarze Groteske, die den Untergang, den Hass, all das Negative gleichzeitig glorifiziert und ihnen ans Bein pisst. Und vor allem: man kann sich dem höllischen, zwingenden Groove von Stücken wie „The Throne of Agony“, „DI-1-9026“ und „Anything (Viva!)“ unmöglich entziehen, man spürt dieses Album auch nach Tagen noch in den Knochen. Und wenn man einen der besten Songs aller Zeiten, die Vertonung der ganzen Welt in gut sechs Minuten hören will, man lausche „Descent Into The Inferno“.

YouTube - Foetus - The Throne of Agony
YouTube - Foetus - Descent into Inferno
YouTube - Foetus - Anything (Viva)


42. Cranes – Wings of Joy



Die hohe Kunst von wirklich guten Horrorfilmen liegt nicht darin, dem Zuschauer möglichst blutiges Gemetzel oder möglichst gnadenlos inszeniertes Grauen zu präsentieren, sondern darin, eine wirklich beklemmende Atmosphäre mit möglichst einfachen Mitteln aufzubauen. Einen ähnlichen Gedankengang schienen Cranes bei der Entstehung ihres Full Length-Debüts von 1991 gehabt zu haben. Das Monster unterm Bett wird hier nur angedeutet, ist höchstens in mehr oder minder deutlichen Schattenbildern zu erkennen. Der Fokus bei diesem Film liegt eher auf der Darstellung der Angst, der Verlorenheit und der Verzweiflung eines durch nur schwach vom Mondlicht beleuchtete Korridore tappenden kleinen Mädchens. So ist diese unnachahmliche, teils entrückt-schöne, teils wahnsinnig verstörende und gruselige Atmosphäre durchaus ein Verdienst der wohlakzentuierten musikalischen Untermalung, vor allem aber der des kindlich-hohen, verängstigten, sehr gewöhnungsbedürftigen Gesangs von Alison Shaw. Viel besser noch als auf den gemäßigteren Folgealben kommt er hier in einer Kulisse aus teilweise sägenden, harten, teilweise versponnenen Gitarren, melancholischem, gespenstischem Klavier und teils sehr zurückgenommenem, teils sehr dominantem („Starblood“) Drumming zur Geltung.

In ihrer Frühphase wurde Cranes manchmal vorgeworfen, keine richtigen Songs schreiben zu können. Ein zumindest nachvollziehbarer Vorwurf; die Stücke zeichnen sich durch eine gewisse Sperrigkeit aus, wandern stets schräg neben dem Pfad der Eingängigkeit und Konventionalität. Auch die stilistische Zuordnung erweist sich als schwierig: Einordnungen in Ethereal Wave und Shoegaze und die Dark Wave-/Gothic-Bewegung, bemühte Vergleiche mit Genre-Ikonen Cocteau Twins schlugen fehl und wurden wieder verworfen. Bis heute hinterlässt „Wings of Joy“ Rezensenten hilf- und ratlos.
Mit den Folgealben tendierten Cranes mehr in Richtung Shoegaze und später Electronica, veröffentlichten mit ihrem schwer poppigen, sommerlichen, nur latent melancholischem Drittwerk „Loved“ gar so etwas wie die Antithese zu dem, was ihr Debüt ausmachte (an dieser Stelle sei noch erwähnt, dass ich „Loved“ wirklich schätze!), und verloren damit leider auch einen Teil ihrer Originalität. Der auf „Wings of Joy“ gebotene Sound trotzt aber bis heute jedem Vergleich.
Was bliebe noch zu sagen: mit dem wunderbar elegischen „Adoration“ hat das Album einen der schönsten Schlusstracks, Requiems überhaupt, und ein passenderes könnte man sich kaum wünschen.

Cranes bei MySpace Music - Kostenlos MP3s anhören, Bilder & Musikvideos ansehen
YouTube - Cranes - Adoration (Live)
YouTube - Cranes - Starblood


41. Bauhaus – In The Flat Field



Bauhaus sehen sich nicht gerne als der Gothic-Szene zugehörig, geschweige denn als ihre Mitbegründer. Kein wirklich ambitionierter Künstler lässt sich gerne in eine Schublade stecken, noch dazu in eine, die in den letzten Jahren derart in Verruf gekommen ist. Der Einfluss von Bauhaus war aber bereits vor der Veröffentlichung ihres Full Length-Debüts unbestritten; die Single „Bela Lugosi’s Dead“, ein sperriges neunminütiges Stück mit unnachahmlich gespenstischer Atmosphäre, katapultierte die Band in den Fokus der Aufmerksamkeit und an die Spitze der Independent-Charts. „In The Flat Field“ wurde von der Presse jedoch nicht mit einhelliger Begeisterung aufgenommen. Man warf der Band vor, eine bloße Kopie des ein Jahr zuvor erschienenen Debüts von Joy Division und von David Bowie zu sein, sich außerdem zu sehr an The Velvet Underground und The Doors zu orientieren. Gewiss sind die Parallelen nicht von der Hand zu weisen, doch „In The Flat Field“ stellt eine deutliche Weiterentwicklung dieser Einflüsse dar, es ist hier schon in bemerkenswert feinen Umrissen zu vernehmen, was die junge Gothic-Szene in den frühen 80ern ausmachen sollte.
„In The Flat Field“ hat eine sehr eigensinnige, bizarre Ästhetik an sich. Es ist eine Reaktion auf die tristen, unwirtlichen Landschaften von Northhampton, sowohl Ausbruch als auch Zustandsbeschreibung. In den Texten werden alltäglicher Wahnsinn, religiöser Fanatismus und Magie thematisiert, und auch die Existenzängste und die Isolation in trostloser, schwarzgrauer städtischer Umgebung. Sinnbildlich dafür steht der manische, rhythmisch getriebene, sich überrennende Titeltrack: „I could get bored, I get bored, in the flat field“.

Das Gitarrenspiel lässt seine Ursprünge in Punk noch erkennen, fügt sie aber in einen neuen Kontext; Daniel Ashs verschrobene Akkordfolgen klingen wie präzise eingesetzte, rostige Rasierklingen. Das Rhythmusfundament besitzt eine für die Anfänge der Post-Punk-Bewegung durchaus typische Verspieltheit und Hektik. Über dieses von einem harten, metallenen Sound angemessen in Szene gesetzte musikalische Fundament legt sich der neurotische Gesang von Peter Murphy, der zwischen Selbstgeißelung und Schweißbrenner schwankt. Es ist ein sehr karges, knochiges und lärmiges Gerüst, das jedoch bei all seiner nervenzerrenden Atonalität und Schrägheit auch merkwürdig elegant wirkt und selbst bei kurzen, abgehackt wirkenden Stücken wie „Dive“ und „St. Vitus Dance“, dem repetitiven „Stigmata Martyr“ und beim Opener „Double Dare“ noch eine Art sonderbare, morbide Romantik versprüht. Insbesondere letztgenannter Song beeindruckt mich bis heute: Das angerissene Rifffragment weist zunächst in eine völlig falsche Richtung. Was folgt, ist ein vertontes Folterritual aus Störgeräuschen, Feedback und verstümmelter Rockmusik. Instrumentarium und Gesang klingen so angenehm wie eine rostige Säge auf der Haut, Peter Murphy singt/schreit/windet sich wie ein Geisteskranker bei einer Selbstgeißelung. Das Drumming ist verdammt stumpf, aber vor allem gegen Ende so unglaublich druckvoll und wuchtig, dass man denkt, Drummer Kevin Haskins wolle die Welt in zwei spalten. Diese irrsinnige Brutalität ist auch im Verhältnis zu der Zeit der Veröffentlichung bemerkenswert und wirft meiner bescheidenen Meinung nach auch auf so ziemlich jede Death-/Black Metal/Hardcore-Band der Welt einen langen Schatten…

„In The Flat Field“ ist ein Zeitdokument, das kein einziges Staubkörnchen angesetzt hat. Andere mögen spätere, vielleicht reifere und facettenreichere Alben von Bauhaus mehr schätzen, bei mir hat ihr Debüt jedoch den größten Eindruck hinterlassen.

YouTube - Bauhaus - Double Dare
YouTube - Bauhaus - In the Flat Field
YouTube - Bauhaus- Nerves


40. This Mortal Coil – It’ll End In Tears



Schon wieder 4AD: Hinter dem Namen This Mortal Coil verbarg sich ein Projekt von Musikern, die mit ihren Hauptbands bei eben jenem Label unter Vertrag standen. In wechselnder Besetzung veröffentlichte man von 1984 bis 1991 drei Alben, bestehend aus überwiegend Coverversionen und später immer mehr Eigenkompositionen, von denen das Debüt „It’ll End In Tears“ das wohl bekannteste und einflussreichste ist und mit der prominentesten Besetzung eingespielt wurde (mit Mitgliedern von Dead Can Dance, Cocteau Twins, The Wolfgang Press…). Meist wenig bekannte, in Vergessenheit geratene Stücke werden neu interpretiert und um eine ätherisch-atmosphärische Nuance bereichert. Das musikalische Spektrum reicht dabei von melancholischen Popsongs und wehmütigen Balladen zu experimentellen Soundcollagen und kammermusikalischer Intimität. Der größte Verdienst der Musiker ist dabei, eine bemerkenswerte Homogenität beizubehalten (und trotz solch verschiedener Künstler wie Bauhaus, Dead Can Dance und Pixies auch die labelinterne Homogenität aufzuzeigen); hier arbeiten unterschiedliche, doch gewissermaßen auch miteinander verbundene Künstler an einer gemeinsamen Grundidee, hier wird durch das gesamte Album ein roter Faden gesponnen.
Der bekannteste und auch schönste Song von „It’ll End In Tears“ dürfte das vor allem aus David Lynchs „Lost Highway“ (und aus einer Parfümwerbung aus den 80ern, haha) bekannte Tim Buckley-Cover „Song To The Siren“ sein. Begleitet von gut gesetzten, sparsamen Gitarrenakzenten singt Cocteau Twins-Chanteuse Elizabeth Fraser; es ist unheimlich schöner, ätherischer, engelhafter, mit Melancholie erfüllter Gesang, der sich wie Balsam auf die Seele legt. Ich wage zu behaupten, dass Elizabeth Fraser und Robin Gurthie auch mit ihrem Hauptbetätigungsfeld keinen Song dieser Klasse veröffentlicht haben.

IEIT gehört zu den ersten und wichtigsten Alben der Ethereal Wave-Bewegung, auch Formationen wie Sigur Rós, Björk und The Gathering beziehen sich oftmals auf This Mortal Coil. Auch nunmehr 25 Jahre nach seiner Veröffentlichung ist „It’ll End In Tears“ immer noch zeitlos fragil und schön.

YouTube - This Mortal Coil - Song to the Siren "Cocteau Twins"
YouTube - Fond Affections - This Mortal Coil
YouTube - This Mortal Coil - Another Day


39. Anathema – The Silent Enigma



Man hat manchmal den Eindruck, der Anathema-Fankreis teile sich in zwei Fraktionen: das wäre zum einen die, die auf den Death Doom-Sound alter Tage schwört und mit der Band spätestens ab „Alternative 4“ nichts mehr anfangen kann und zum anderen die, die den Pink Floyd-beeinflussten, melancholischen Alternative/Progressive Rock dem Doom Metal der ersten Veröffentlichungen vorzieht. Obgleich ich mich insgesamt eher zu der zweiten Fraktion zählen würde, steht „The Silent Enigma“ doch um einiges höher in meiner Gunst als viele Folgealben, mögen diese auch ausgereifter klingen und mögen die Bandmitglieder als Musiker gewachsen sein. Gewissermaßen setze ich hier die „Geburtsstunde“ einer ehemals mittelmäßigen, wenig eigenständigen oder gar innovativen Death Doom-Combo an. Der unentschlossene, noch stark an Paradise Lost – Gothic angelehnte Sound wich deutlich spannenderem, eigenständigerem, hochatmosphärischem Dark Metal, Anathema traten aus dem Schatten früherer Genreikonen wie My Dying Bride und Paradise Lost heraus und erspielten sich zumindest für kurze Zeit einen ähnlichen Einfluss und Status.

Der Ausstieg des früheren Sängers Darren White erscheint vor dem Hintergrund wie das Beste, was der Band passieren konnte. Und dieses Ereignis scheint auch großen Einfluss auf den Songwriting-Prozess genommen zu haben: die Stücke werden durchzogen von einer in der Form nie zuvor oder danach präsenten Aggression und Verzweiflung. Und obgleich er bei seinem Gesangsdebüt noch recht unbeholfen und technisch lange nicht so souverän wirkt wie auf den Folgealben, trägt gerade Vincent Cavanagh einen wichtigen Teil zu dieser unnachahmlichen Atmosphäre bei. Die Songs zeigen sich unberechenbar und eruptiv wie sonst selten; beeindruckend monolithische Gitarrenwände treffen auf Oasen der Ruhe, durchaus recht dominante und bombastische, jedoch keineswegs kitschige Keyboardteppiche auf Ausbrüche und Gitarrenakzente mit dem unheilschwangeren Klang von Totenglocken, sperrige Abschnitte auf wie in „A Dying Wish“ geradezu hymnische Momente, undurchdringliche, verschluckende Finsternis manchmal auch auf warmes, fast jenseitig schönes Licht. Geradezu ein Musterbeispiel dürfte „Shroud of Frost“ sein: man sieht sich auf offener, stürmischer See den peitschenden, gigantischen Wellen ausgesetzt, wird immer wieder unter ihnen begraben und von ihrer Wucht fast zu Grunde gerichtet, treibt doch immer wieder nach oben. Die Atemzüge werden immer schwächer, in den letzten Momenten sieht man noch, wie die dunkelgrauen Gewitterwolken sich allmählich lichten und fühlt einen schwachen, warmen Sonnenstrahl. (Gott, klingt das geschwollen…)

Ein großartiges und innerhalb der Anathema-Diskografie wirklich herausstechendes Album, wenngleich es für mich nicht repräsentiert, was die Band ausmacht.

YouTube - Anathema - Shroud of Frost
YouTube - Anathema - Sunset of The Age
YouTube - Anathema - A Dying Wish


38. Lycia – Cold



Wenn man aus dem Fenster blickt und Eisblumen am Glas sieht, wenn die Welt unter einer dicken weißen Schneedecke liegt, wenn man sich unter eine warme Decke verkriechen und seiner Melancholie frönen möchte, dann gibt es zur musikalischen Untermalung dieses Szenarios wahrlich kaum ein besseres Album als das vierte, 1996 erschienene Werk (das fünfte, wenn man „Wake“ mitzählt) der amerikanischen Dark Wave-Formation Lycia. Zwar kehrt man nicht zur Ursprünglichkeit der 4-Track-Aufnahmen zurück und hält am Shoegaze-Sound des Vorgängers fest, das Konzept ist in seiner Durchführung jedoch ähnlich extrem wie das von „A Day In The Stark Corner“. Schon der Opener „Frozen“ lässt einem sprichwörtlich das Blut in den Adern gefrieren; das Lycia-typische, verspulte Gitarrenspiel wurde hier in seiner Effektivität auf ein neues Level gebracht. Mehr noch als auf dem Vorgänger „The Burning Circle and Then Dust“ tritt hier der Gesang von Tara VanFlower in den Vordergrund, kommt gleich oft zum Einsatz wie Mike VanPortfleets charakteristischer Flüstergesang und lässt die Stücke schöner, einladender und sanfter wirken.
Die Songs zelebrieren träge dahinschlurfende, hypnotische Langsamkeit fast bis zur Pulslosigkeit, tanzen einen benommenen, selbstvergessenen Walzer; das rückt sie in die Nähe von Slowcore Low’scher Prägung. Wieder ziehen sich die Themen Isolation und Depression durch das ganze Album. Andererseits, und das unterscheidet „Cold“ wesentlich vom Frühwerk Lycias, ist da der bereits erwähnte Shoegaze-nahe Sound, der sich wie eine hauchzarte Wattedecke unter einem ausbreitet und einen auffängt, wenn einem äußerste Trostlosigkeit und Resignation den Boden unter den Füßen wegreißen. Soft as snow – and cold inside (wer den Querverweis findet, darf ihn behalten).

Lycia ? Frozen ? Kostenlos Musik hören bei Last.fm
YouTube - Lycia Bare
YouTube - Lycia Snowdrop


37. Wire – 154



An kaum einer Diskografie lässt sich die Entwicklung der Post Punk-Bewegung so gut ablesen und nachvollziehen wie an den ersten drei Alben von Wire. Das Debüt „Pink Flag“ wurde 1977 mitten im Höhepunkt der Punk-Welle veröffentlicht und stand doch einen Schritt abseits. Die simplen, aggressiven, sägenden Rhythmen und Akkorde, die die technisch damals kaum versierte Band eintrümmerte, rückten die Band in die Nähe des Punks, doch anders als bei den damals populären Vertretern und ihren meist brav strukturierten Songs waren die Stücke immer fragmentarisch und einsilbig, selten wirklich ausformuliert und bewusst nicht zu Ende gedacht – und dementsprechend kurz. Ein Dreiminüter war auf „Pink Flag“ ein epischer Longtrack und eine Ausnahme. Dennoch fanden sich in diesem Bruchstückhaufen auch einige wegweisende Ideen – siehe „Three Girl Rhumba“ und Elastica, haha.
Die Basis dieser abgehackten Rohheit behielt man auch auf dem ein Jahr darauf erscheinenden Zweitwerk „Chairs Missing“ bei. Doch die Band hat sich hörbar weiterentwickelt, neben den kurzen, punkigen Stücken gab es nun auch relativ lange Songkonstrukte wie „Mercy“, wunderbare, lupenreine Popsongs wie „Outdoor Miner“, die auf dem Folgealbum präsenter werdenden Neurosen wie „Practice Makes Perfect“ und allerhand Experimente mit Electronica. Unzählige Bands, die sich erst später gründen sollten, bekamen hier musikalische Grundimpulse; nicht umsonst benutzt man in britischen Musikzeitschriften häufig die Beschreibung „wirish“.
Dies war ja alles schön und gut – aber noch nicht so formvollendet und ausgefeilt wie auf dem 1979 erschienenen Drittwerk „154“.

Statt kantigen Gitarren wird man nun von flächigen Keyboard-Sounds mit Ambient-Charakter, dem melancholischer und tiefer gewordenen Gesang von Colin Newman und sich eher im Hintergrund haltenden, jedoch gewissermaßen treibenden Gitarren und Drums begrüßt. Zwar klingt das folgende „Two People In A Room“ schon etwas vertrauter, doch die Atmosphäre der musikalischen Umgebung hat sich drastisch und unwiderruflich verändert. Alles ist gehüllt in ein unterkühltes, chromglänzendes Gewand, die elektronischen Elemente, die auf dem Vorgänger noch aus purer Lust am Experiment eingesetzt und nicht wirklich homogen in den Bandsound integriert wurden, sind hier tragender Bestandteil des Gesamtsounds. Die Musiker hinter Wire sind nun nicht mehr die Dilettanten von vor zwei bis drei Jahren, die aufgrund ihrer (Un-)Fähigkeiten Spielverbot in einigen Londoner Clubs bekamen, sondern ambitionierte, durchaus etwas berechnende Könner, die nichts dem Zufall überlassen.

Das Album zeigt ein dem Vorgänger nicht unähnliches Facettenreichtum: es gibt da die intelligenten Popsongs, die so klingen wie eine Post Punk-Version der Beatles mit einem mechanischen Herz. Es gibt da die eher arttypischen Punk Rock-Stücke, die jedoch diesmal auf den Punkt gebracht wurden und von Neurosen und Wahnsinn durchzogen sind. Es gibt für die Zeit und in dem Kontext wahnwitzige und sperrige Klangcollagen, die aber nicht bloß den Selbstzweck eines Experiments erfüllen. Und es gibt Stücke, die es sich zwischen diesen Stühlen bequem machen. In seiner Stilvielfalt hat „154“ „Chairs Missing“ trotzdem vor allem eines voraus: Homogenität. Das Album wird bestimmt von einer kalten, dem Cover entsprechend abstrakten, unwirtlichen und irgendwie entseelten Atmosphäre und der damit einhergehenden Melancholie. An der aufkeimenden Gothic-Bewegung sind Songs wie der bereits erwähnte Opener „I Should Have Known Better“, „A Touching Display“ sowie das sonderbare, hypnotische „A Mutual Friend“ mit seinen merkwürdig-schönen Bläsern und seinem benommenen Gesang gewiss nicht ganz spurlos vorbeigegangen. Das Unmittelbare und Ungeschliffene, die Ausbrüche der ersten beiden Alben sind hier in der Form natürlich nicht mehr vorzufinden, würden andererseits aber auch nicht in das Bild dieser scheinbar perfekt durchkonstruierten Welt hineinpassen. Herzstück des Albums ist das knapp siebenminütige „A Touching Display“; eine vertonte Anti-Utopie, eine apokalyptische, futuristische Vision von „Punk Floyd“.

Die beiden Vorgängerwerke mögen einen etwas lauteren und bis heute präsenteren Nachhall gehabt haben, es mögen andere die ersten beiden Alben aufgrund ihrer Rohheit und größeren Greifbarkeit bevorzugen – für mich bleibt „154“ der Maßstab, an dem ich die Band immer messen werde und der künstlerische Höhepunkt von Wire. „154“ ist sperrig und elegant, kunstvoll, visionär und zeitlos. Es ist eines der vollkommensten, innovativsten und besten Werke einer Bewegung, die zur Zeit der Veröffentlichung des Albums gerade erst richtig ins Rollen kam.

YouTube - Wire - I Should Have Known Better
YouTube - two people in a room WIRE Rockpalast 04/18
YouTube - Wire - A mutual friend
YouTube - "A touching display" wire rockpalast 13/18


36. PJ Harvey – White Chalk



Immer war sie in gewisser Weise die Unnahbare, immer merkte man ihr die Distanz zu den auf den Alben erzählten Geschichten und aufgebauten Charakteren an. Auf „White Chalk“, ihrem 2007 erschienenen letzten regulären Studioalbum, ist dies nicht der Fall. Und das ist es, was „White Chalk“ selbst in einer solch abwechslungsreichen Diskographie wie der von PJ Harvey noch einen Sonderstatus verleiht: nicht bloß die ungewöhnliche Instrumentierung und ebensolcher Gesang, sondern eine grundsätzlich andere Atmosphäre. War sie auf allen anderen Alben noch eine wirklich begnadete Schauspielerin, die sich gewiss auch mit ihrer Rolle identifizierte, die Stimme anderer, so wirkt ihre seelische Entblößung auf „White Chalk“ beklemmend real. Trug sie auf den Vorgängerwerken selbst noch den größten Schicksalsschlag mit Fassung, zeigte sie selbst dann noch unberührbare Stärke, wenn sie am Boden lag, schien ihr Make-Up selbst dann nicht zu verlaufen, wenn sie bittere Tränen weinte, so offenbart sie auf „White Chalk“ tatsächlich Fragilität, Schwäche und Erschöpfung.

Polly Jean Harvey greift dabei auf spartanische, schlichte Instrumentierung zurück, die meisten Songs basieren auf simplen Klaviermotiven (sie hatte sich das Klavierspielen binnen kurzer Zeit selbst beigebracht, Virtuosität war weder zu erwarten, noch wirklich vonnöten). Die eigentliche Kraft ihrer Stimme offenbart sie nur kurz und andeutungsweise im bitteren „Grow Grow Grow“, ihr Gesang klingt erschöpft und geradezu kindlich hoch, meist singt sie mit Kopfstimme. Die Songs umgibt eine gewisse Intimität, es ist, als ob PJ Harvey sie in einem sehr kleinen, von einer Kerze nur schwach beleuchteten Raum ganz für sich alleine spielt. Sie spielt sie mit dem Bewusstsein, ihr Requiem zu spielen, außer Kraft, doch willens, sich noch etwas Wichtiges von der Seele zu singen. „White Chalk“ klingt wie am Totenbett aufgenommen. Farewell my friends, farewell my dear ones, farewell this world, forgive my weakness. Mit Wehmut und Reue blickt sie auf ihr bisheriges Leben zurück, haucht Entschuldigungen, die die, an die diese gerichtet sind, nicht mehr hören werden. Über den Songs liegt ein grauer Schleier. Man hat das Gefühl, den dumpfen, langsamer werdenden Herzschlägen der Songs zu horchen, in dem Bewusstsein, dass diese jeden Moment gänzlich verschwinden würden. Stützen sich die Stücke zu Beginn noch auf eine rhythmische Struktur, verlaufen die Konturen von „To Talk To You“ fast völlig, scheint Harvey kaum die Kraft aufbringen zu können, das unendlich traurige „Before Departure“ zu Ende zu bringen, wird „Broken Harp“ bereits nach weniger als zwei Minuten die Luft abgewürgt. Der schönste und berührendste Song des Albums ist indes „Silence“:

I freed myself from my family
I freed myself from work
I freed myself
I freed myself
And remained alone


Ein Song fürs Totenbett.
Ein Song, um das Leben am inneren Auge vorbeiziehen zu lassen.
Ein Song, um sich und der Welt zu verzeihen.
Freiheit und Leere.

Inmitten vieler mindestens guter, einiger absolut großartiger Alben, in denen sie sich stetig weiterentwickelte, ihren Geschichten eine beeindruckende stimmliche Präsenz verlieh und als Persönlichkeit stets undurchsichtig blieb, wirkt „White Chalk“ gewiss am authentischsten. Klar ihr bestes Album nach der Jahrtausendwende.

YouTube - broken harp
YouTube - Silence (P.J. Harvey)
YouTube - PJ Harvey-Before Departure


35. Tori Amos – Little Earthquakes



Was ist bei einem ambitionierten, sich stetig weiterentwickelndem Künstler schlimmer, als wenn er sein Magnum Opus schon mit dem Debüt veröffentlicht? Nun ist es aber nicht so, dass man die Nachfolgewerke von „Little Earthquakes“ ignorieren sollte, insbesondere sein wesentlich weniger klavierbasierter direkter Nachfolger „Under the Pink“ und das Coveralbum „Strange Little Girls“ sind wirklich sehr gut/interessant geworden. Doch gelang es Tori Amos auf den späteren Alben selten, die radiokompatibleren Popsongs so auf den Punkt zu bringen und sie gleichzeitig niemals banal wirken zu lassen wie hier. Da wären zum Beispiel gleich der Opener „Crucify“, ihr neben „Cornflake Girl“ wohl bekanntester Song, das ironische „Happy Phantom“ sowie sowohl die ganz große als auch die ganz dezente Ballade: „Winter“ hat eine wunderschön epische, weit ausholende Melodie, doch Amos lässt das Stück nie den Boden unter den Füßen verlieren und in kitschige Gefilde abdriften. „Tear In Your Hand“ gibt sich trotz seiner Wehmut ganz leichtfüßig, übergibt einem seine Botschaft quasi im Vorbeigehen.

Und doch sind es nicht diese Songs, die für mich „Little Earthquakes“ ausmachen, es sind die weitaus sperrigeren, unangenehmeren Titel. Wenn Amos in „Silent All These Years“ eine Fehlgeburt, in „Me And A Gun“ eine Vergewaltigung und in „Mother“ die schwierige Beziehung zu ihrer Mutter aufarbeitet, dann löst es Bestürzung und Unbehagen aus, man will es eigentlich nicht mehr hören, man hat das Bedürfnis, den Raum zu verlassen und seine Gedanken auf etwas anderes zu lenken ob so viel schmerzenden autobiografischen Bezugs. Doch Amos versieht selbst die offensichtlich autobiografischen Texte immer auch mit Doppelbödigkeit und einer Vielzahl an Interpretationsmöglichkeiten. So schaffte es die junge Tori Amos, deren Gesangsstil damals noch nicht ganz zu Unrecht mit Kate Bush verglichen wurde, auch meinen Gedanken und Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Der Titeltrack wirkt schwer und aufwühlend, doch absolut reinigend. „Precious Things“, nachwievor mein absoluter Lieblingssong von ihr, ist voller Verzweiflung und Wut; der Verzweiflung und Wut einer enttäuschten und gedemütigten jungen Frau, einer wahnsinnig authentischen, mit Agonie besungenen und auf dem Klavier gehämmerten Wut, die die tumben, testosteronschwangeren, gitarrengetriebenen Kraftakte männlicher Musiker-Kollegen lächerlicher wirken lässt, als sie eh schon sind.

Es ist gewiss nicht das musikalisch reifste Album der Dame, genauer betrachtet ist es ein ziemlich typisches Debüt, auf dem so manch Idee noch nicht ausformuliert werden konnte. Und obgleich ich vor dem Hintergrund verstehen kann, wenn jemand spätere Alben bevorzugt, so besitzt „Little Earthquakes“ doch etwas Wichtiges, nicht näher Benennbares, was seine persönliche Bedeutung für mich doch höher macht als die der anderen Alben.

YouTube - Tori Amos - Precious Things
YouTube - Tori Amos - Winter
YouTube - Little Earthquakes RAINN


34. Slowdive – Souvlaki



Beim Überfliegen meiner Liste ist mir aufgefallen, dass sich immer eine gewisse Dunkelheit und Negativität, zumindest aber eine leichte Wehmut und Melancholie wie ein roter Faden durch meine Auswahl zieht. Mit Ausnahme von „Souvlaki“: kein anderes Album repräsentiert für mich das pure, ungetrübte, gelassene Glücksgefühl besser als Slowdives Zweitwerk. 1994 gehörte man neben Ride mit „Nowhere“ und natürlich My Bloody Valentine mit „Loveless“ zum großen Triumvirat der 90er Shoegaze-Welle; ein kurzlebiges, sehr zeitgebundenes Genre, dessen dämlicher Name darauf zurückgeht, dass Shoegaze-Soundexperimentalisten beim Gitarre spielen immerzu auf ihre Schuhe starren würden. Hauptmerkmale dieser Stilistik waren sehr zarte und hohe, meist verfremdete Stimmen und ein ganz besonderer, sowohl monolithischer und noisiger als auch luftiger und psychedelischer Gitarrensound. Auch Slowdive bedienten sich dieser Stilmittel, erhoben dies aber nicht zum Exzess wie My Bloody Valentine und hatten auch kein Stück der beißenden, polaren Kälte von Ride. In Songs wie den Opener „Alison“, das unglaublich überzuckerte „Machine Gun“ und das seinem Namen entsprechende „Souvlaki Space Station“ fällt man wie in halbwegs massive Wolken (ein ob der Luftigkeit kaum angebrachter Begriff) und wird von wohliger Helligkeit und Wärme umgeben. „When The Sun Hits“ (Das Cover von The Gathering ist übrigens wirklich empfehlenswert!) ist der gewiss strahlendste, sommerlichste Song, den ich kenne, löst selbst bei miserabelster Laune eine ruhige Euphorie in mir aus, lässt selbst beim am dichtesten bewölkten Himmel Sonnenstrahlen hindurchscheinen. Bei „Sing“ taucht man in eine kaum bewegte, idyllische Unterwasserwelt ein, die von entfernten Sonnenstrahlen erleuchtet wird. Nun gibt es auf „Souvlaki“ aber auch Nummern mit reduzierter Instrumentierung, die einen Rückschluss auf die Ausrichtung der quasi-Nachfolgeband Mojave 3 zulassen, wie „Here She Comes“ und den Schlusstrack „Dagger“. Und nun zieht sich auch dieser friedvollen, positiven Atmosphäre zum Trotz immer eine gewisse Melancholie und Sentimentalität durch die Musik und vor allem die Texte. Auch der purste, ungetrübteste Glückszustand zeichnet sich aus durch Vergänglichkeit. …And me I am her dagger, to numb to feel her pain. Und so gibt es auch wieder einen Bezug zu den restlichen Alben aus meiner Liste…ich bin ja so…berechenbar…^^

YouTube - Slowdive - Souvlaki Space Station
YouTube - SLOWDIVE WHEN THE SUN HITS
YouTube - Slowdive - Dagger


33. Nico – The Marble Index



Die kühle, statuenhafte Schönheit wird den meisten von ihrer Mitarbeit am wegweisenden The Velvet Underground-Debüt und vielleicht noch durch „These Days“ von ihrem Solo-Debüt bekannt sein. Während „Chelsea Girl“ noch ein dezent melancholisches, relativ leicht verdauliches Werk von Künstlern wie Bob Dylan, Lou Reed und John Cale war, dem Nico lediglich ihre Stimme lieh, ein Album, von dem sie später behauptete, es zu hassen, da es ihre musikalische Vision nicht repräsentierte, wurde mit dem Nachfolger „The Marble Index“ alles anders – wer hier noch einen Song vom Format von „Femme Fatale“ oder eben „These Days“ erwartete, dem ließ TMI das Blut in den Adern gefrieren.

Die Zahl der Mitwirkenden verringerte sich auf Nico selbst und den ausgebildeten klassischen Musiker John Cale, vorher ebenfalls bei The Velvet Underground aktiv. Mit Viola, Piano, Cello, Violine und präparierten Gitarren (Nico selbst spielte noch Harmonium, eine Art Spinett-Klavier) bildet er das musikalische Gerüst der Stücke: eine Art avantgardistische, dissonante Kammermusik, bei der die Instrumente, fast ohne wirklich offensiv-lärmig zu klingen (den Gefallen tut man dem Hörer selten), ihrer Wärme und Lebendigkeit, ihres Schönklangs beraubt wurden. Nico singt ihre kryptisch-metaphernreichen, negativen Texte; ihr Vortrag gleicht eher einem melodischen Vortrag von Gedichten als herkömmlichem Gesang. Charakteristisch für ihren Gesangsstil sind eine stoische Emotionslosigkeit und Ernsthaftigkeit (zumindest noch auf „The Marble Index“), die gleichzeitig Nicos (bürgerlich Christa Päffgen) kalte, nihilistische Aura bilden, die Tiefe ihrer Stimme und ihr grober deutscher Akzent (sie war gebürtige Kölnerin). Nico gab dem Tod eine Stimme. Obwohl ihr Gesang dem Hörer nie den Gefallen einer greifbaren Emotion und Identifikationsfläche tut, bildet er oftmals die größte melodische Konstante in Kompositionen, die sich selbst teils in hypnotischen Wiederholungen, teils in nebeneinander gesponnenen Fast-Melodiebögen verlieren und oft nicht den geringsten Rückhalt bieten.

Seine Geschlossenheit und Intimität stellt „The Marble Index“ dabei über seine (zweifelsfrei tollen!) Nachfolgealben und erzeugt eine beispiellos einsame, leere und isolierte Atmosphäre. „No One Is There“, aufgrund seiner schönen Violinenmotive eines der verdaulichsten Stücke des Albums, wandelt zwischen den Säulen des inszenierten Eisschlosses, sein Nachhall geht unter in weiter, absoluter Leere. Die eisige, gnadenlose, unwirtliche Kälte zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Album, kein Windhauch und kein Blätterrascheln gibt einen Hinweis auf Leben. Es gibt in dieser spröden, trostlosen, doch in ihrer Weite und Leere auch irgendwie malerisch schönen Eiswüste einzig diese sonderbare Musik und Nicos erzählende Stimme. Bei „Ari’s Song“ kann man kaum ein Gefühl der Bedrücktheit und Betroffenheit vermeiden, handelt es doch von ihrem damals schwer kranken unehelichen Sohn Alain. Mit folkloristisch anmutenden Gesangslinien erhebt sich „Frozen Warnings“ über das leblose Land, es könnte ein majestätischer Abschluss sein, der den Hörer mit so etwas wie einem Schimmer Hoffnung aus dem Album entlassen könnte, würde ihm nicht „Evening of Light“ folgen. Es ist einer der verstörendsten und beklemmendsten Songs, die ich jemals gehört habe, vielleicht DER verstörendste und beklemmendste überhaupt. Über ein nur vorahnendes, vielleicht anfangs noch harmloses Spinettklimpern legt sich Nicos charakteristischer Gesang. Midnight winds are landing at the end of time. Das atonale Klimpern wird lauter, im Hintergrund baut sich ein lautes, tiefes Brummen auf. Aus dem dicht bewölkten, von Blitzen und Explosionen erhellten Himmel fallen Splitterbomben auf die Umgebung, es ist ein grauenvolles Schreckensszenario, alles liegt irgendwann in Schutt. Einzig Nicos Gesang trotzt konstant und unbeirrt, starr, beinahe unbeteiligt dem sich um sie herum abspielenden Chaos. Mein musikalisches Weltbild wurde binnen 5:40 Minuten pulverisiert. Midnight winds are landing at the end of time.

„The Marble Index“ wurde ein kommerzieller Flop sondergleichen. Es bekam wohlwollende Kritiken, anno 1968 machte man aber lieber einen großen Bogen um diesen höchst sonderbaren Marmorbrocken. „The Marble Index“ stand in der Musiklandschaft allein auf einer weiten, leeren Fläche, die es sich selbst geschaffen hat. Es ist ein Album für bereits verlorene Seelen, gescheiterte Eskapisten, oder zumindest die, die in einer solchen Stimmung zumindest für eine gute halbe Stunde auf- und untergehen möchten.
Aufgrund ihrer unnahbaren, geheimnisumwobenen Aura und ihres exzessiven, selbstzerstörerischen Lebensstils wurde Nico zum frühen Sinnbild der damals nicht einmal ansatzweise existenten Gothic-Bewegung. Ende der 70er und Anfang der 80er beschrieb man Gothic Rock teilweise als Punk mit der eisig-anmutigen Atmosphäre von Nico-Alben, Genre-Ikonen wie Siouxsie Sioux (Siouxsie and the Banshees), Peter Murphy (Bauhaus) und Ian Astbury (Southern Death Cult/The Cult) berufen sich auf sie. Nico war Post-Punk, bevor es Punk gab. Und doch ist die mystische Aura von „The Marble Index“ vor allem ein Verdienst der Tatsache, dass sich kaum etwas daran geändert hat, dass es so allein und monolithisch auf einer weiten, leeren Fläche steht. Die, die sich auf dieses Werk eingelassen haben, hauchen seinen Namen mit Bewunderung und respektvollen Distanz. Es ist ein Album weit abseits von musikalischen Bewegungen und Zeitgeist. Und diese Aura wird es vermutlich für immer behalten.
1988 starb Nico im Alter von 50 Jahren auf Ibiza. R.I.P!

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32. Fear of God – Within the Veil



Dieses Album ist bestens geeignet für Leute, die Angela Gossow (Arch Enemy) und Candace Kusculain (Walls of Jericho) für das Maß aller Dinge, die einzig erwähnenswerten oder gar generell die einzigen Frontfrauen im extremen Metal halten, dieses Album ist perfekt für all jene, die mit den Stichworten „düsterer Metal mit weiblichem Gesang“ primär verkitschtes Trällerelsengesäusel verbinden, dieses Album ist wie geschaffen für die, die schrottigen Einmannprojekt-Heulsusen-Keller-Black Metal für das Nonplusultra depressiver Musik halten. Düsterer, sperriger Thrash Metal bildet das musikalische Fundament, eine Art Slayer-Riffing in einer gemäßigten, bedrückten und bedrückenden Version, auch doomige Ansätze sind vorhanden. Das klingt recht interessant und auch originell, ist aber nicht das, was das Album zu etwas Besonderem macht und ihm seinen (persönlichen) Klassikerstatus und seine einzigartige Atmosphäre verleiht, sondern die wahrlich beeindruckende Gesangsleistung von Dawn Crosby. Sie singt dabei selten wirklich clean und melodisch, am meisten noch in der endlos traurigen quasi-Ballade „Wasted Time“, eher schreit, flüstert, jammert, stöhnt und wimmert sie, um ihrem Schmerz Ausdruck zu verleihen. Und es ist schwer bis unmöglich, bei dieser höchst authentischen (man fühlt regelrecht, wie Dawn die Songs immer wieder durchlebt) Intonation der tiefschwarzen, absolut pessimistischen, erschütternden, erschreckend autobiografischen Texte keinen dicken Kloß im Hals zu haben. Es ist ein stockfinsterer, lichtabsorbierender, grausamer, allesverschlingender Moloch namens Realität, der in den Texten dargestellt wird und der durch das tragische Leben und Lebensende von Sängerin Dawn Crosby noch beklemmender wird; Ab ihrem dreizehnten Lebensjahr wuchs sie in einer Umgebung von Militär, Missbrauch, Prostitution und Alkoholismus auf. Um sich ihr Überleben zu sichern, prostituierte sich eine gute Freundin von ihr, wurde misshandelt und verletzt und ertränkte sich schließlich vor Dawns Augen. Gleich nach diesem Ereignis entstand laut Dawn der Text zu „Red To Grey“, die Musik indes erst mehr als zehn Jahre später. Auch im gespenstischen, nebligen „White Door“ bezieht sie sich auf dieses Trauma.

Ich kann mir das Album mittlerweile nur noch selten anhören, nebst der Musik und der Texte selbst und ihrer traurigen Vorgeschichte ist mir das Album nicht zuletzt aufgrund eines persönlichen Bezugs (in den Tiefpunkten meines Lebens war es ein treuer Begleiter…falls es irgendwen interessiert. *hust*) meist schlichtweg zu drastisch. Das ist etwas, was man der Band hoch anrechnen muss, das ist auch genau der Grund, warum ich das Album derart verehre. Die Stimmung gelangt an ihren Höhe- bzw. Tiefpunkt am Ende des Schlusstracks „Drift“: I want to feel something…REAL!!! Dawns Schreie sind absolut markerschütternd, knapp beschrieben sowas von Exodus.

Leider konnte die Band zu Zeiten ihrer Aktivität nie den Status erlangen, den sie eigentlich verdiente, dies lag neben der Sperrigkeit und Düsternis des Materials auch an der Unüblichkeit von weiblichem Gesang im extremen Metal und auch an der geringen Livepräsenz. Das nach dem Ausstieg von Gitarrist Michael Carlino veröffentlichte Zweitwerk „Toxic Voodoo“ konnte nicht die Erwartungen von Fans und Kritikern erfüllen und auch nicht diese ganz spezielle Magie vom Vorgänger vermitteln. Das 1991 erschienene „Within the Veil“ war lange Zeit ein gesuchtes, nur für hohe Preise zu erstehendes Sammlerstück (neulich habe ich es auf Amazon im gebrauchten Zustand allerdings zu einem vertretbaren Preis gesehen). Fünf Jahre nach der Veröffentlichung von „Within the Veil“ sollte Dawn ihrer durch Alkoholmissbrauch verursachten Lebererkrankung erliegen. Rest In Peace!

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Geändert von spreewaldgurkenfee (03.12.09 um 22:10 Uhr).
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  #7  
Alt 22.11.09, 16:58
Benutzerbild von ich_liebe_musik  
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Wow, das nenne ich mal nen Beitrag!

Hab jetzt jedenfalls mal wieder richtig Lust alte Anathema zu hören.
The Silent Enigma hat schon was.
Und Slowdive - Souvlaki, ebenfalls extraklasse.
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  #8  
Alt 22.11.09, 17:10
Benutzerbild von Nicname
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Ich versteh den Thread nicht wirklich.
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  #9  
Alt 22.11.09, 17:24
Benutzerbild von BlackMage  
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Mit Rechtschreibflames sollte man vorsichtig sein, wenn man Unrecht hat.
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  #10  
Alt 22.11.09, 17:29
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Menace Ruine reizt mich. One Too Many gefällt mir nach dem ersten Hören sehr. Irgendwie befürchte ich allerdings, das der Song auf Dauer stark abbaut. Vielleicht halte ich mich an die Cult Of Ruins. Theoretisch wäre mir eine Mischung aus jenem "monolithischen Drone Doom" von One Too Many und dem noisig-experimentellen BM der "Cult Of Ruins" am liebsten.
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  #11  
Alt 22.11.09, 17:39
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Zitat von BlackMage Beitrag anzeigen
Mit Rechtschreibflames sollte man vorsichtig sein, wenn man Unrecht hat.
Was, wo, wer? :P
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  #12  
Alt 22.11.09, 18:11
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Zitat:
Zitat von Tortenheber Beitrag anzeigen
Menace Ruine reizt mich. One Too Many gefällt mir nach dem ersten Hören sehr. Irgendwie befürchte ich allerdings, das der Song auf Dauer stark abbaut. Vielleicht halte ich mich an die Cult Of Ruins. Theoretisch wäre mir eine Mischung aus jenem "monolithischen Drone Doom" von One Too Many und dem noisig-experimentellen BM der "Cult Of Ruins" am liebsten.
Inwiefern?

Und: Hast du dir die anderen verlinkten Songs, vor allem halt "The Bosom of the Earth", angehört? Die vordergründige Monotonie könnte zunächst abschreckend sein, das mit der Kombination aus noisig-experimentellem BM und monolithischem Drone Doom kriegen sie da aber ganz gut hin.
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  #13  
Alt 22.11.09, 18:38
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Zitat:
Zitat von spreewaldgurkenfee Beitrag anzeigen
Inwiefern?
Obwohl der Song (m)einen Nerv trifft auf Dauer vermutlich zu eintönig...

Zitat:
Zitat von spreewaldgurkenfee Beitrag anzeigen
Und: Hast du dir die anderen verlinkten Songs, vor allem halt "The Bosom of the Earth", angehört? Die vordergründige Monotonie könnte zunächst abschreckend sein, das mit der Kombination aus noisig-experimentellem BM und monolithischem Drone Doom kriegen sie da aber ganz gut hin.
Geht auf jeden Fall in die Richtung. Hm, der Gesang könnte etwas eindringlicher sein... oO Oo






Ich probier' mal die Cult Of Ruins.
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  #14  
Alt 22.11.09, 18:44
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Zitat:
Zitat von Tortenheber Beitrag anzeigen
Obwohl der Song (m)einen Nerv trifft auf Dauer vermutlich zu eintönig...
Kann ich nachvollziehen, stört mich allerdings nicht wirklich. Innerhalb ihres recht eng geschnürten Stil-Korsetts bietet die "The Die Is Cast" durchaus ein gewisses Maß an Abwechslungsreichtum, "One Too Many" gehört da tatsächlich noch zu den eintönigeren Nummern.
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  #15  
Alt 22.11.09, 21:10
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einfach aber simpel
 
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Zitat von Nicname Beitrag anzeigen
Ich versteh den Thread nicht wirklich.
brauchst du auch nicht, da du ja nie lust hast, dich lange über alben in schriftlicher form auszulassen (ich erinnere an den playlist of the week thread).bleib lieber im "was hörst du gerade?" thread...und bei deiner standartzeichenanzahl von ca. 20 pro post...

@fee: sehr fein,auch wenn ich gerade keine motivation habe,dass zu lesen...morgen dann.
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  #16  
Alt 22.11.09, 21:23
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Zitat von boneless Beitrag anzeigen
brauchst du auch nicht, da du ja nie lust hast, dich lange über alben in schriftlicher form auszulassen (ich erinnere an den playlist of the week thread).bleib lieber im "was hörst du gerade?" thread...und bei deiner standartzeichenanzahl von ca. 20 pro post...
Ich kann mich nunmal nicht so gut ausdrücken als das es der Musik gerecht werden würde. Außerdem hab ich teilweise das Gefühl, dass es sowieso keinen interessiert. Warum sollte ich mich dann groß über meine Alben äußern?
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  #17  
Alt 22.11.09, 21:26
Benutzerbild von spreewaldgurkenfee
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Zitat:
Zitat von Nicname Beitrag anzeigen
Ich kann mich nunmal nicht so gut ausdrücken als das es der Musik gerecht werden würde. Außerdem hab ich teilweise das Gefühl, dass es sowieso keinen interessiert. Warum sollte ich mich dann groß über meine Alben äußern?
Haha, ich mach's einfach trotzdem.
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  #18  
Alt 22.11.09, 21:27
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boney interessiert es brennend wie man aus seinem post erkennen kann, er kanns bei dir nur nicht so zugeben
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  #19  
Alt 22.11.09, 21:28
Benutzerbild von Nicname
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Zitat von spreewaldgurkenfee Beitrag anzeigen
Haha, ich mach's einfach trotzdem.
Jo, du kannst dich ja auch so gar nicht gut ausdrücken.
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  #20  
Alt 22.11.09, 23:37
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Fee was machst Du nur mit uns? Bisher nur den Little Earthquakes Beitrag gelesen ... ganz arg ernst gemeint
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