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  #41  
Alt 26.11.09, 16:24
Benutzerbild von spreewaldgurkenfee
confuzzled
 
Registriert seit: 08.2008
Beiträge: 3.205
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16. Fields of the Nephilim – Elizium



Tell me…what is reality?

Na, Kinder, alle schön die Nebelmaschinen angeschmissen, die Familienpackung Mehl rausgeholt und den ranzigen Cowboyhut aufgesetzt? „Hä, nein, wovon redet dieser Schwachkopf da überhaupt?“ So oder so ähnlich trat die britische Gothic Rock-Formation Fields of the Nephilim Mitte der 80er in Erscheinung. Gewiss lag es am anfangs noch recht konventionsgebundenen Sound, doch vor allem auch an eben diesem Auftreten, dass die Band anfangs noch als The Sisters of Mercy-Klon gebrandmarkt wurde, doch man konnte sich recht schnell davon emanzipieren. War die Western-Ästhetik bei den Sisters noch dem Faible für komische Hüte vom damaligen Gitarristen Wayne Hussey (The Mission) geschuldet, so gingen die Fields das Ganze wesentlich tiefgreifender, ambitionierter, irgendwie ernster, regelrecht konzeptuell an – im Auftreten, audio-visueller Ästhetik und den Texten vermischte Bandkopf Carl McCoy Spaghetti-Western mit postnuklearem Endzeitszenario, Lovecraft mit Crowley, Schamanismus mit Chaosmagie und der Nephilim-Legende. Und während der Trend damals eher Richtung Drumcomputer ging, setzte man bei Fields of the Nephilim eher auf einen natürlichen, erdigen Sound, der die Band als eine der ersten (jaja, The Cult…andere Geschichte) in die Nähe von Hard Rock rückte.

Von Kritikern gelobt und mit einer großen Fanbase im Rücken avancierte Fields oft he Nephilim Ende der 80er somit zu den wohl wichtigsten und einflussreichsten Protagonisten des Gothic Rocks der zweiten Welle – doch die konventionellen Songstrukturen wurden McCoy allmählich zu plump und einengend, konnten sie die erzielte Atmosphäre doch kaum wirklich tragen. Was auf den ersten beiden Werken nur angedeutet wurde, kommt hier in einer bis dato ungeahnten Konsequenz zu tragen; wer mit der Erwartung an „Elizium“ herangeht, einen eingängigen, klar strukturierten Hit der Marke „Moonchild“, „Power“ oder „Preacher Man“ vorzufinden, wird gnadenlos enttäuscht. Die Single „For Her Light“ tendiert vielleicht in diese Richtung, bleibt als einzelner Song erschreckend weit hinter den Qualitäten genannter Vorzeigehits zurück - anscheinend durchaus gewollt. Das Stück verschmilzt mit den anderen sieben zu einer untrennbaren Einheit und bildet so etwas wie das bloße Preludium zu „At The Gates of Silent Memory“; es scheint, wie vieles auf dem Album, oberflächlich recht unbewegt und vermittelt doch eine solch sinistere, bedrohliche Stimmung, wie es den Fields in der Form bis dato nie gelungen ist. Der beispiellos intensive Spannungsbogen des Drummings mündet vor seiner finalen Auflösung in das ungewöhnlich kurze, schnelle und rockige „(Paradise Regained)“, doch das soll auch der letzte Akzent dieser Art sein.

Die Stücke gehen nahtlos in einander über und funktionieren eigentlich gar nicht außerhalb ihres Kontexts. Die unwirklichen, sphärischen, somnambulen Melodien der Gitarren, das Drumming, mal viel zu weit im Hintergrund und mal viel zu aufdringlich und dominierend wirbelnd, um wirklich Halt zu bieten, der Grabesgesang des Berufsirren Carl McCoy und die so ziel- wie endlosen, sich ausweitenden Kompositionen verlaufen aquarellartig; unheimlich viele Variationen und Mischungen dunkler Farben, aber keine wirklich klar erkennbaren Muster. Die Songs kennen keine klaren Strukturen und keinen kalkulierten Aufbau, sie entfalten sich entweder in weiter, endloser Monotonie oder in sich langsam entwickelnder Psychedelik. Apropos, gutes Stichwort: „Elizium“ mutet allgemein höchst psychedelisch an, nicht selten denkt man an eine frisch dem Grab entstiegene Version von Pink Floyd ohne irdischen Bezug und ohne wirklich greifbaren, menschlichen Optimismus. Durchaus kein Zufall, „Elizium“ wurde zusammen mit dem Pink Floyd-Live-Keyboarder aufgenommen und von Andy Jackson wirkungsvoll großflächig produziert. Im entspannten Schwelgen von „Wail of Sumer“/“And There Will Your Heart Be Also“ findet „Elizium“ einen wunderbar einlullenden und idyllischen Abschluss.

Mit „Elizium“ haben Fields of the Nephilim 1990 ihren hohen Status endgültig zementiert. Man vertonte eindrucksvoll die zuvor bemühte Atmosphäre, indem man frühere Trademarks über Bord warf und die selbstauferlegten Barrieren durchbrach, „Elizium“ steht in einem großen Abstand zum damals bereits stagnierenden Gothic Rock und ist in seiner bis heute unerreichten Stimmung doch so etwas wie sein Idealbild. Nach dem (grandiosen; teilweise wird die Intensität der Studio-Versionen sogar noch überboten) Live-Album „Earth Inferno“ von 1991 trennte sich McCoy von der Band und machte mit seinem wesentlich metallischer ausgerichteten Projekt The Nefilim weiter, der Rest der Band gründete Rubicon. Die (vorläufige) Trennung der Fields of the Nephilim mutete wie der finale symbolische Abschluss mit dem Gothic Rock nach traditionellem Verständnis an. Nichtsdestotrotz wurde 15 Jahre nach „Elizium“ „Mourning Sun“, das vierte offizielle Studioalbum der Fields, veröffentlicht, mit Carl McCoy als einziges Originalmitglied (die Originalmitglieder waren zuvor eh kaum bzw. gar nicht am Songwriting beteiligt, insofern…). Das Album klingt modern, ohne die Wurzeln der Band zu leugnen, und kann dem britischen Patienten (als eines der meiner Meinung nach erschreckend wenigen Alben nach der Jahrtausendwende) kurzzeitig wieder so etwas wie Leben einhauchen. Ach ja, die komische, unausgegorene, ohne Einverständnis der Band veröffentlichte Demo-Sammlung „Fallen“ von 2002 wurde mal dezent totgeschwiegen…

Für mich ist „Elizium“ die Krönung des Schaffens von Fields of the Nephilim. Wenn überhaupt, hätte das Album einzig die Inklusion des brillanten, zuvor als Maxi veröffentlichten „Psychonaut Lib III“ aufwerten können.

http://http://www.youtube.com/watch?v=UcdotRkKPmY (megafantastische Live-Version)
YouTube - Fields of the Nephilim - Sumerland (Visionary Heads)
YouTube - Fields of the Nephilim - Wail of Sumer
YouTube - Fields of the Nephilim [And there Will Your Heart Be Also]
YouTube - Fields of The Nephilim - Psychonaut (Gehört irgendwie dazu. Leider gekürzte Fassung, aber großartiges Video.)
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When I was young, I invented an invisible friend called Mr. Ravioli. My psychiatrist says I don't need him anymore, so he just sits in the corner and reads.
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  #42  
Alt 27.11.09, 17:10
Benutzerbild von spreewaldgurkenfee
confuzzled
 
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Beiträge: 3.205
15. Tool – Ænima



Seltsame Soundeffekte, man weiß nicht wirklich, woran man hier ist. Mit dem Einsetzten des Riffs von „Stinkfist“ fällt die Tür hinter dem eigenen Rücken zu. Tool knipsen der Realität für ungefähr 80 Minuten das Licht aus, die Farbe, die „Ænima“ am besten charakterisiert, ist tatsächlich Schwarz. Die brillante, glasklare und doch druckvolle, warme und doch fremdartige Produktion von David Bottrill (Peter Gabriel, King Crimson) kapselt den Hörer geradezu ein zwischen den Klängen. Im ersten Moment kommt man sich regelrecht blind vor in dieser Schwärze, doch die Musik, sie klingt nicht vertraut, aber geradezu greifbar. Maynard James Keenan geleitet durch die Finsternis; bis heute einer der charismatischsten, facettenreichsten und ausdrucksstärksten Sänger, die ich kenne! Die Gitarrensalven von Adam Jones sind so filigran und virtuos wie direkt, ebenso das teilweise sehr hypnotische Drumming von Danny Carey. Besonders hervorhebenswert ist das Bassspiel von Justin Chancellor und vor allem sein Klang: stählern, es vibriert geradezu in der Magengrube. Auch nach längerem Überlegen fällt mir keine Band ein, bei der der Bass so großartig klingt und vor allem so gezielt und effektiv eingesetzt wird (Ich verstehe normalerweise weder etwas von Spieltechnik, noch lege ich darauf sonderlich Wert, dass ich mich in dieser Besprechung also diesem Aspekt so relativ ausführlich widme, muss schon was heißen.). Die schier unmenschliche Präzision und Instrumentbeherrschung, die omnipräsente Spannung geht weit über das herkömmliche Verständnis von Prog, ja, über das herkömmliche Genreverständnis allgemein hinaus. Mit einer niederreißenden Kraft und einer sofort in den Bann ziehenden Dynamik.

Die Musik von Tool ist ein hochkomplexes System ineinander greifender Zahnräder, das jedoch nie so etwas wie Willkür, Vertracktheit um ihrer selbst Willen ausstrahlt. Der Fluss der Songs verbündet sich in seiner Natürlichkeit mit der Blutzirkulation. Bei Tool rückt der rein musikalische Aspekt nie wirklich in den Hintergrund, ist jedoch gewissermaßen „nur“ Mittel zum Zweck, eine Leinwand, bestens abgestimmt auf die Projektionen, lyrisch wie visuell, mittels derer Tool mit der Wahrnehmung des Hörers spielen. Gerade dem visuellen Aspekt wird bei Tool viel Bedeutung beigemessen, nicht nur bei den grandiosen Videos, auch in der Covergestaltung. „Ænima“ ist eine Erfahrung, die weit über das bloße Musikhören hinausgeht, das Album zerrt einen in einen Moloch aus gegen die Menschheit und gegen sich selbst gerichtetem Hass, in die tiefsten Abgründe menschlicher Existenz. „H.“ bohrt sich regelrecht leise und verhalten in die Gehirnwindungen, um mittendrin mit einem gewaltigen Urschrei zu explodieren; I don‘t mind… Eine grotesk fröhliche Drehorgelmelodie leitet das tragische „jimmy“ ein und wird dann in zu ihrem Gegenteil verkehrter Form mit einer gänzlich anderen Wirkung zu seinem Mittelpunkt. Das Crescendo von „Pushit“ ist von einer schmerzlichen, gnadenlosen Intensität, als bohren sich Hunderte von Klingen ins eigene Fleisch. Remember I will always love you, as I claw your fucking throat away. „Hooker With A Penis“ ist ein ungeahnt primitiver und zynischer Ausdruck von Verachtung.

Doch „Ænima“ ist kein ausdrücklich negatives Statement, selten bis nie tut man dem Hörer den Gefallen einer Eindeutigkeit. „Eulogy“ und vor allem „Forty-Six & 2“ lösen sich elegant von den Ketten menschlichen Denkens und nehmen gewisserweise die spirituell inspirierte Herangehensweise von „Lateralus“ vorweg. Der quasi-Titelsong „Ænema“, Keenans zynisch-ironische Abrechnung mit L.A., stellt auf dem Album einen der lichtesten Momente dar. Mom please flush it all away. Ironischerweise führen einem gerade die surreal und verstörend anmutenden Zwischenspiele wieder die Existenz von so etwas wie einer Realität vor Augen und man glaubt, wieder den Boden unter den Füßen zu spüren. Das wahre Herzstück des Albums, sozusagen eine eigene Welt in einer eigenen Welt, ist für mich jedoch „Third Eye“.

Die vierminütige Soundcollage „(-) Ions“ trennt das Stück symbolisch vom Albumgeschehen. Herzschläge, Leben. See I think, drugs have some done good things for us. I really do. And if you don't believe drugs have done good things for us, do me a favor, go home tonight, take all your albums, all your tapes, and all your CDs, and burn them…Langsam tastet es sich zwischen Rauschen und Sprachsamples von Bill Hicks zu seiner Struktur voran, die Drums setzen ein, werden lauter und dominanter. Here's Tom with the weather.- Alle vier (ja, vier, Maynard inbegriffen…der Gesang agiert hier meist eher als zusätzliches Instrument denn als greifbares menschliches Ego) Instrumente verschmelzen zu einem unheimlich dichten, pulsierenden Ganzen, verbünden sich zu einem Fiebertraum. Effektgeladene Gitarren ziehen den Hörer durch psychedelische Untiefen. Boden, Decke, Wände? Für diesen Moment nicht einmal in der Erinnerung existent. Obsolet. Endlich etwas Halt, glaubt man, endlich die so sanft, warm und vertraut klingende Stimme von Maynard. "So good to see you. I've missed you so much. So glad it's over. I've missed you so much“ Das Stück baut sich immer mehr zu einem wahren Monster auf, strömt in alle Richtungen, seine Größe nicht mehr überblickbar. Die schier gewaltige Energie ist nicht mehr kontrollierbar, die entfesselte Kraft reißt alles, inklusive des gnadenlos überforderten Hörers, mit sich nieder. Zum Schluss wird nochmals auf das bereits am Boden liegende Opfer eingeschlagen: Prying open my third eye.

„Ænima“ bietet bedeutend mehr, als auf dem Album-Debüt „Undertow“ versprochen und bereits vorweggenommen wurde. Es bildet eine eigene, in sich geschlossene, in dieser Form unkopierbare Klangwelt, der man entweder verständnislos und unbeeindruckt („Was, Tool, diese Instrumentalonanie hören doch nur Visions-Leser, um sich cool vorzukommen.“ Jaja. Hört Dream Theater, ihr Luschen. Hihihi.) oder als glühender Verehrer (like me) begegnet. Eines der wegweisendsten, bis heute beeindruckendsten und besten Alben der 90er.
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Geändert von spreewaldgurkenfee (27.11.09 um 17:48 Uhr).
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  #43  
Alt 27.11.09, 18:11
Benutzerbild von ich_liebe_musik  
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Tolle Review!

da bekomm ich wirklich Lust mir das Album mal wieder am Stück anzuhören.
Allerdings hättest du die Eier von Satan erwähnen sollen, ich mag das Stück, gerade weil's so dermaßen blödsinnig ist.
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  #44  
Alt 27.11.09, 18:13
Benutzerbild von Cecily
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Hätte ich eine Bezugsquelle, könnte ich das Rezept auch endlich mal ausprobieren
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  #45  
Alt 28.11.09, 12:23
Benutzerbild von spreewaldgurkenfee
confuzzled
 
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Zitat von ich_liebe_musik Beitrag anzeigen
Tolle Review!
Danke.


14. The 3rd and the Mortal – Painting on Glass



Aus einem dunklen, näher kommenden Rauschen schallen immer wieder Trombonen, bis sich rituell anmutendes Drumming hinzugesellt. Die musikalische Umgebung ist voll von erstickendem Rauch und bis auf die beschwörende Stimme von Ann-Mari Edvardsen und gelegentlich aufflackernde Blasinstrumente absolut finster. Der sich bereits mit dem ersten Song öffnende Höllenschlund von „Magma“ ist als Mischung aus Dead Can Dance, Angelo Badalamentis „Night Life in Twin Peaks“, den düstersten Momenten von Pink Floyd und rituellem Dark Ambient einigermaßen gut umrissen und doch nicht annähernd erfasst. Ein musikalischer Fiebertraum. Nahtlos geht das Stück in das folgende „Commemoration“ über, welches nach Trombonenintro eine zwar unerwartete, aber trotzdem gut in den Gesamtkontext passende Wendung nimmt. In völliger Selbstverständlichkeit brechen gleich drei Gitarren durch die Stille. Aus der trägen, zäh fließenden Lava entwachsen die schönsten, traurigsten, faszinierendsten Melodien, um gleich wieder verworfen und durch neue entsetzt zu werden. Ann-Mari Edvardsen beeindruckt durch gesangliches Variantenreichtum, das Stück fließt durch zahlreiche elegante Wendungen. „Persistent and Fleeting“ wird eingeleitet von den ganzen Song dominierenden Schamanengesängen, bald wird die aufgebaute bedrohliche Stimmung von Gitarrenwänden eingerissen. Der Song windet sich, er pulsiert, er bricht aus und legt sich im ständigen Beibehalten seiner Energie und Dynamik wieder auf die Lauer. Erneut ziehen Dead Can Dance am inneren Auge vorbei, erneut wird der Vergleich sofort wieder verworfen. Und doch sind Parallelen zu DCD auf „Painting on Glass“ omnipräsent, manchmal in direkten Anleihen, meistens durch die Gemeinsamkeit der weltmusikalischen Offenheit beider Bands.

Dass sich dazwischen die stille, minimale Ballade „Crystal Orchids“ befindet, die durch Verfremdung so klingt, als ob sie in einem Schrank sitzend eingesungen wurde, und in der musikalischen Kulisse absolut nicht fehl am Platze erscheint, wirkt paradox. Diese gewisse Paradoxie durchzieht das ganze Album, sein Fluss und seine Entwicklung sind stets unberechenbar, auch nach zahlreichen Hördurchgängen noch überraschend und irgendwie höchst lebendig. Es ist erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit The 3rd and the Mortal erst minutenlange Ewigkeit, ausgefüllt von einem Hauch von Nichts, zelebrieren und dann den Hörer aus allen Wolken fallen lassen. Besonders eindrucksvoll ist dieser Konstrast bei „Dreamscapes“; beginnend mit ungewöhnlich hart einbrechenden Gitarrenwänden geht es über in zarte, ätherische Ambient-/New Age-Flächen, die folgenden Doom-Riffs werden abrupt unterbrochen vom Einsturz des Szenarios. Die Band konzentriert sich im weiteren Verlauf auf das Beibehalten einer bedrohlichen Atmosphäre, die folgenden Stücke sind oft nur ineinander greifende Fragmente, Stimmungen, Flächen von unüberblickbarer Weite. Einer der wenigen Songs, die auch losgelöst von diesem Kontext funktionieren, ist „Veiled Exposure“: eine idyllische Ruheinsel inmitten von Brodeln und Eruptionen. In den letzten Stücken klingt „Painting on Glass“ erneut wenig greifbar und collagenhaft, die in „Vavonia Part II“ deutlich werdenden Doom Metal-Wurzeln werden von Dunkelheit und Leere begraben.

Schon zu ihrer Anfangszeit waren The 3rd and the Mortal musikalische Querdenker. Sie spielten eine Art zarten, fragilen Gothic Metal mit deutlicherem Bezug zu Folk und Prog Rock als zu Death Doom und ganz ohne männlichen Growler, bevor dieser Sound über einen kleinen Liebhaberkreis hinaus salonfähig werden konnte. Sie trennten sich von ihrer Frontelfe Kari Rueslåtten und übergaben den Posten am Mikro der gesanglich wesentlich variableren Ann-Mari Edvardsen. 1996 wurden sie mit „Painting on Glass“ radikal experimentell, ein Jahr nach dem Erfolg von The Gatherings „Mandylion“. Mit den Folgealben wandten sie sich vom Metal in einer beispiellosen Konsequenz ab, bevor The Gathering und Paradise Lost in eine ähnliche Richtung tendierten, dies jedoch bei weitem nicht so drastisch. Ein typischer Fall von „seiner Zeit voraus“: die eh nicht sonderlich große frühe Anhängerschaft verabschiedete sich mit „Painting on Glass“, spätestens aber mit „In This Room“, im Gegensatz zu beispielsweise The Gathering oder Anathema konnte sich die Band jedoch vergleichsweise wenig neue Hörerschichten erschließen. Kommerziell/karrieretechnisch also mal grandios alles falsch gemacht. Und künstlerisch? Zumindest noch auf dem besprochenen Album so ziemlich alles richtig. „Painting on Glass“ wirkt gleichermaßen explosiv und unberechenbar wie fließend, ist so verstörend wie idyllisch-schön. Eines der für mich faszinierendsten, mutigsten und besten Metal(?)-Alben der 90er.
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  #46  
Alt 29.11.09, 12:29
Benutzerbild von spreewaldgurkenfee
confuzzled
 
Registriert seit: 08.2008
Beiträge: 3.205
13. Converge – Jane Doe



I want out
Out of the burdening nightsweats
Out of the rising seas of blood
Lost in you like saturday nights
Searching the streets with bedroom eyes
Just dying to be saved
Run on girl, run on


Jeder Musiknerd wird dieses ganz spezielle Gefühl kennen. Das Gefühl, welches ein musikalischer Orkan beim ersten Mal hören hinterlässt, wenn vielleicht ein einziger Song die eigenen musikalischen Ideale nicht nur infrage stellt, sondern sie schlichtweg pulverisiert und man sich um ein neues musikalisches Weltbild kümmern muss. Der Grund, weshalb man überhaupt zum Musiknerd geworden ist. Das vielleicht einschneidendste Erlebnis dieser Art war für mich meine erste Begegnung mit Converge.

In irgendeinem Forum wurde diese Band also mit großen Worten umworben, ich hörte rein aus Interesse mal rein und war regelrecht fassungslos. Es lief „The Broken Vow“ und mir kam es vor, als stünde ich unter einem Glassplitterhagel. Der erste Schock ob dieser schieren Gewalt war kaum überwunden, da drängte sich Klargesang in die Szenerie; eine unheimliche emotionale Wucht. Ein infernales Chaos mit kaum greifbarer Struktur, das ich jedoch nicht bloß als solches wahrnahm; nein, „The Broken Vow“ war viel mehr, war der Beginn einer großen Liebe. Die Faszinationskraft dieser Musik war nach dem ersten Durchgang von „Jane Doe“ enorm und hat auch nach Jahren nicht abgenommen. Converge spielen eine Art modernen, chaotischen Noisecore und klingen doch anders als das, was man sich darunter vorstellt. Die Musik ist für sich genommen absolut erstklassig, doch sollte und darf man „Jane Doe“ nicht mit einer solch pragmatischen Herangehensweise begegnen. Die Drums überrennen sich selber, die Gitarrenfraktion spielt entstellte und vernarbte Riffs, Jacob Bannon kreischt seine poetischen Texte in einer Panik und Hysterie heraus, als stünde er in Flammen. Die großartige Produktion passt sich an: der Klang ist roh, lärmbetont, aber durchaus transparent. Die ersten drei Songs sind vertonte Zerstörung, ein erfrischender Blutregen, ein mit weit aufgerissenen Augen beobachteter und miterlebter Weltuntergang. Auch die musikalische Dampfwalze „Hell to Pay“ und das relativ punkig-straighte „Homewrecker“ atmen diese manische Energie. Es klingt nicht so, als hätten die Musiker noch unter Kontrolle, was sie hier entfesselt haben.

Doch damit wäre die Atmosphäre von „Jane Doe“ keinesfalls zureichend umrissen. Nicht aus dieser Offensivität schöpfen Converge ihre Faszinationskraft, sondern aus einer omnipräsenten, beinahe unerträglichen Ambivalenz. Die Stücke zersplittern und explodieren um ein Gerüst herum, das jeden Moment zusammenstürzen könnte, es manchmal auch tatsächlich tut; gerade in solchen Momenten, die auch in den ersten drei Stücken aufflackern, klingen Converge am erbarmungslosesten, wenn in „Heaven in Her Arms“ zum Beispiel subtil melancholische Melodien angedeutet werden. Wenn man die Fremde auf dem Cover ebenso erschöpft wie man selbst und zugleich vollstreckergleich sich vor einem aufbäumen und doch auch zersplittern sieht, wenn man ihren von oben herabschauenden Augen nicht standhält. Wenn sich nebst der vordergründigen Angriffslust auch Verwundbarkeit offenbart. Wenn man von der sich vor den eigenen Augen abspielenden Apokalypse weggezerrt und vor den persönlichen Untergang geworfen wird. Wenn der Phoenix in Flight mit schmerzenden gebrochenen Flügeln taumelt und danach in Flammen aufgeht; wenn eben genannte, nicht einmal einminütige Eruption in ihrer Hysterie nicht den Boden unter den Füßen zu fassen bekommt. Und wenn sich im Scherbenhagel manchmal das Licht spiegelt, wenn der Sound von Converge plötzlich eine ausgefranste, gebeutelte, doch in ihren feinen, fragilen Grundzügen erkennbare Art von Anmut und Schönheit entwickelt. So geschehen vor allem im epochalen Titelstück. Nervenzerrende Schallwellen von Feedback hallen durch den Raum, irgendwo entfernt im Hintergrund: flehender Klargesang. Der Song stürzt, atmet schwer, sammelt seine Kräfte, bäumt sich wieder auf und setzt final zum großen Crescendo an. Das gesamte Gerüst stürzt ein, dieses Ende ist nun absolut. In den letzten Atemzügen dieser Welt greift ein blutiger Arm noch ein letztes Mal in die Leere, bevor der in sich zusammensinkende Berg aus Trümmern und Gliedmaßen, den Schreien Gepeinigter auch ihn unter sich begräbt. Ein finales verzweifeltes „Wieso?!“ schallt noch über die Szenerie und bleibt unbeantwortet. Auch nach Jahren durchfährt mich „Jane Doe“ immer noch regelrecht. Converge klingen hier epischer und schöner, als es handelsübliche Brusthaartoupet-Metaller, Post Rock-Posterboys und Projekt-Darkwave-Waldelfen jemals könnten.

„Jane Doe“ ist keinesfalls ein Album für jede Lebenslage, in gewissen Momenten aber das einzige in meinem Universum. In Momenten, wenn es im eigenen Kopf grässlich eng und überfüllt und gleichzeitig erdrückend leer und einsam ist, wenn man sich vor Schmerz selbst nicht mehr fühlt, in Momenten, in denen man gegen die näherrückenden Wände des eigenen Bewusstseins hämmert, diese scheinbar durchbricht, die Augen öffnet und sich erschöpft, atemlos und mit blutigen Fäusten vorfindet, ist „Jane Doe“ das perfekte Ventil, die tongewordene Katharsis (es gibt für mich nur eine Band, die auf einem ähnlich hohen Intensitätslevel agiert und atmosphärisch, nicht jedoch musikalisch in eine ähnliche Kerbe schlägt, dazu später mehr). So sehr die Musik von Converge bei vielen zunächst auch bloße Hilflosigkeit provozieren mag, so sehr man im falschen Moment auch denkt, einer mit Grafitti beschmierten Wand gegenüberzustehen und auf dieser keinen Spruch und kein Bild mehr erkennen zu können, so sehr offenbaren sich im richtigen Moment die Geschichten und Hintergründe (kennt man hier das ARTE Tracks-Interview?). Die metaphorische Wand von Converge hat mehr zu sagen, als ich jemals über sie sagen können werde.
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  #47  
Alt 29.11.09, 12:42
Benutzerbild von boneless
einfach aber simpel
 
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wahnsinn!

das vllt. beste review,was ich bisher über dieses gottgleiche album gelesen habe.du sprichst mir aus der seele.

leider 10 plätze zu weit unten.
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  #48  
Alt 29.11.09, 15:42
Benutzerbild von BlackMage  
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Da musste ich's mir doch glatt nochmal anhören und siehe da: Noch besser als beim letzten Mal, und da mochte ich es schon mehr als nach den ersten Durchgängen. Soll heißen: Es wächst.
Hätte ich nicht gedacht.
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Do you know how to waltz?
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  #49  
Alt 29.11.09, 17:03
Benutzerbild von Tortenheber
glaubwürzig
 
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Öhm, gibt es eigentlich ähnlich Großartiges aus dem Bereich?

Feine Schreibereieiei mal wieder, F. F.!
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  #50  
Alt 29.11.09, 17:15
Benutzerbild von ode to the sun
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Zitat:
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Öhm, gibt es eigentlich ähnlich Großartiges aus dem Bereich?
Mathcore?

http://www.alternative-musik-forum.d...light=Mathcore

Coalesce
Botch
Ion Dissonance
Into The Moat
the number twelve looks like you
Genghis Tron
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  #51  
Alt 29.11.09, 17:26
Benutzerbild von Tortenheber
glaubwürzig
 
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Vorzüg...äh vorbildlich, Ode. Ein Thema, das ich bisher ignoriert habe.
Weitermachen.
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  #52  
Alt 29.11.09, 18:41
Benutzerbild von boneless
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Nadja - Touched (2003)



diese band ist für mich so etwas wie die gute seele eines genres, welches zum großen teil stockdunkel und böse ist.zwar ist auch der sound von nadja oft so hell wie die nacht, dafür aber ungemein warm und mit einem nicht zu leugnenden positiven vibe durchzogen.mastermind aidan baker ist einer der sorte musiker,die man wohl als arbeitskrank bezeichnen würde.jedenfalls ist er erst zufrieden,wenn er jedes jahr mindestens 5-10 alben seiner band oder solo veröffentlicht hat.das output ist dementsprechend groß und die perlen nicht leicht zu finden,da alle alben eine ziemliche daseinsberechtigung aufweisen können.wenn man aber zum urpsrung möchte.zum anfang des zaubers, dann muss man touched seine ohren schenken.mit ihrem ersten album legten aidan und leah die messlatte für kultivierte dröhnung gleichmal dermaßen hoch, dass einem nur ein staunen bleibt.wie hört man diese platte am besten?abendstunden abwarten, es im zimmer schön warm haben, licht aus (kerzen gehen gerade so), sich ins bett legen und dann touched auflegen (über kopfhörer oder möglichst sehr laut über die anlage).und dann sich zudecken lassen...von diesen warmen bergmassiven, die einen plötzlich umgeben.es beginnt mit einem leisen flirren,welches immer lauter wird und den orkan ankündigt.in 14 minuten ebnet mutagen dem vllt. besten nadja song stays demons den weg.dieser wartet mit einer melodie zum niemals wieder vergessen auf.aidan seuselt im hintergrund sachen wie the touch of your cool fingers against my fevered brow...stays demons. und versucht erst gar nicht, sich gegen die übergroße wall of sound zu stellen.nicht das letzte mal,dass man vor gänsehaut zerspringen möchte.unbeirrlich geht dann incubation/metamorphosis seinen weg, erst langsam und ruhig...dann gewaltig und aufbrausend.nur um durch aidans organ wieder zusammengeflickt zu werden.zum schluss bekommt man noch flowers of flesh serviert.die riechen bittersüß und dröhnen einem komplett den schädel weg.es bleiben 60 minuten totales vergeben und vergessen.ein musikalisches schwarzes loch, welches man nie mehr verlassen möchte.und doch die realität danach um so besser verträgt.wer nur ein album von den beiden haben möchte, sollte (neben corrasion, radiance of shadows und truth becomes death ) dieses wählen.
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  #53  
Alt 29.11.09, 18:46
Benutzerbild von spreewaldgurkenfee
confuzzled
 
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Beiträge: 3.205
Ich glaube, die ROS finde ich sogar besser...aber tolle Band.


PS:

Zitat:
Zitat von boneless Beitrag anzeigen
wahnsinn!

das vllt. beste review,was ich bisher über dieses gottgleiche album gelesen habe.du sprichst mir aus der seele.

leider 10 plätze zu weit unten.
Oh Mann...danke!
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When I was young, I invented an invisible friend called Mr. Ravioli. My psychiatrist says I don't need him anymore, so he just sits in the corner and reads.

Geändert von spreewaldgurkenfee (29.11.09 um 20:03 Uhr).
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  #54  
Alt 29.11.09, 20:54
Benutzerbild von ascension
mu
 
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Swans - Soundtracks For The Blind
das Album das ich einfach nicht mehr vergesse und sich mit mir vereinigt hat, wie ein Fleck auf der Seele. Soviel entkörperte Liebe zu der Musik, ich kann das Ding ja nicht mal anfassen. Scheiße kommt mir nicht toll ausgestatteten Booklet oder der Magie von Vinyl. Fakt: So viel Bedeutung und Tiefe habe ich keinem Album je zugemessen. ich will es hören wenn ich Sex habe, wenn ich sterbe, nie wieder belangloses nebenher.
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One has to come to terms with one's own mortality. You know, you can't really help people who are having problems with mortality if you've got problems of your own, so you have to begin to sort things out.
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  #55  
Alt 30.11.09, 16:24
Benutzerbild von spreewaldgurkenfee
confuzzled
 
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12. Anathema – Alternative 4



We are just a moment in time,
A blink of an eye,
a dream for the blind

Anathemas musikalische Entwicklung verlief eigentlich recht kohärent und flüssig, einzig zwischen dem 1996er Werk „Eternity“ und dem zwei Jahre später erschienenen Nachfolger „Alternative 4“ gibt es einen wirklichen Bruch. „Alternative 4“ klingt im Grunde genommen wie die absolute Antithese zum Vorgänger. „Eternity“ war ein absolut typisches Übergangsalbum, unbequem sitzend zwischen dem Doom Metal früherer Tage und den sanfteren Klängen, die später den Sound bestimmen sollten. Bei „Alternative 4“ hatte die Band ihren Stil nun überraschend schnell gefunden, die Metamorphose von einer eher unscheinbaren Death Doom-Combo zu einer höchst eigenständigen Formation irgendwo in der Schnittmenge von Alternative- und Progressive Rock war nun endgültig vollzogen. Mit „Alternative 4“ haben Anathema ihren Stil definiert und perfektioniert (wenngleich sie diesen auf den Folgealben um einige feine Nuancen erweitern und weiterentwickeln konnten). „Eternity“ versank in Bombast, über den Stücken lag eine dicke Schicht Keyboard-Kleister (Hmm, das klingt jetzt eigentlich negativer, als es gemeint ist…ich schätze das Album sehr, keine Frage). „Alternative 4“ klingt im Vergleich dazu geradezu spartanisch.

Die Produktion ist glasklar und angenehm natürlich. Der Klang der Streicher und die perlenden Läufe des Klaviers (meist wird ein echtes Klavier eingesetzt, Keyboard relativ selten) haben einen nicht unwesentlichen Teil zur Atmosphäre beigetragen. Die Kompositionen sind durchdacht und feingliedrig, geradezu minimal arrangiert und haben nun viel Luft zum Atmen. Diese Reduktion aufs Nötigste war den Songs auf jeden Fall zuträglich; gerade die erwartungsvolle Stille zwischen den Klängen schafft eine ungeheure Dichte und lässt die musikalischen Akzente noch besser wirken. Selbst in den stillsten, fragilsten und zartesten Momenten sind die Stücke noch sehr spannungsreich, einzig „Fragile Dreams“ wirkt etwas lasch (wenn da mal keine Steine in meine Richtung fliegen, haha…). Neben der größeren kompositorischen Reife der Musiker hat sich vor allem Sänger Vincent Cavanagh um ein Vielfaches steigern können. Schöpfte er früher seinen Charme und sein Charisma aus einer latenten Unbeholfenheit und Imperfektion seines Vortrags, so ist seine stimmliche Beherrschung hier geradezu beängstigend. Doch einen wirklich guten Sänger macht keine technische Perfektion, sondern die emotionale Ausdrucksstärke aus – auch da konnte Vincent Cavanagh bemerkenswert nachlegen. Man wäre versucht, die Texte als überzogen oder gar kitschig zu bezeichnen, wären sie nicht von einer Band wie Anathema in Szene gesetzt und vor allem einem Sänger wie Vincent Cavanagh intoniert worden. Jede einzelne Zeile klingt wie immer wieder gefühlt, durchlebt und durchlitten, jede Phrasierung, jeder Schrei, Seufzer und Atemzug klingt so ehrlich und glaubwürdig, dass es fast schon unangenehm wird. Für eine solche schlichtweg brillante Performance wäre kein Grammy, sondern eigentlich ein Oscar fällig. Mindestens. Und dann treffen die Lyrics in Verbindung mit der Musik so gnadenlos, gezielt und präzise jedes Mal diesen einen wunden Punkt, wo es am meisten schmerzt. Jemanden, der zumindest ansatzweise nachvollziehen kann und vielleicht auch selbst durchlebt hat, was hier vertont wurde, können Melancholie-erfüllte, tränenerstickte Glanztaten wie „Shroud of False“ und „Lost Control“ unmöglich kalt lassen.

Für diese Stimmung zeigt sich vor allem der damalige Bassist Douglas Patterson verantwortlich, sechs der zehn Songs gehen auf sein Konto. Nach den Aufnahmen zu „Alternative 4“ stieg er aus und hob sein Projekt Antimatter aus der Taufe, wenn man so will, ist dieses Album also sein Abschied von Anathema. Der wohl eindrucksvollste Song aus seiner Feder ist der Titeltrack des Albums. Der Titel „Alternative 4“ bezieht sich auf das Buch „Alternative 3“ von Leslie Watkins; angesichts einer globalen Katastrophe (Atomkrieg) werden der Menschheit drei Möglichkeiten zu überleben geboten. Hinter „Alternative 4“ steht Pattersons eigener Gedankengang: es gibt keine Überlebensmöglichkeit. Die Vertonung der Endzeit, der letzten Minuten vor dem Untergang, ist hier auf beispiellos beklemmende und fesselnde Art gelungen. Schwebende, hohe Keyboards durchziehen das Stück, die lauten Drums und die Gitarrenakzente sind sparsam eingesetzt und genau deshalb so schmerzend. Drehschrauben-Spannung, die Ihresgleichen sucht. Der Gesang ist gezeichnet von einem kontrollierten Zorn, die Worte hängen schwer, geradezu erstickend in der Luft. In der dritten Strophe setzen das Drumming, die Gitarren und das Klavier aus, einzig das Flirren des Keyboards und der Gesang sind noch da. I'll dance with angels to celebrate the holocaust, and far beyond my far gone pride is knowing that we'll soon be gone - knowing that I'll soon be gone. Cavanaghs Ausdruck ist jenseits von Angst, Verzweiflung und Hysterie; nur noch gezeichnet von dem Wissen, dass die Welt bald untergehen wird und er mit ihr, und der starren Akzeptanz des Unvermeidlichen. „Knowing that I'll soon be gone“. Symbolische letzte Worte. Es folgt eine ungeheuer qualvolle Steigerung, die Anspannung wird geradezu unerträglich. Das Fieseste und Schlimmste an „Alternative 4“ ist der unerwartete Fade-out und dass der Hörer nicht mit dem sich ankündigenden Ausbruch erlöst wird.

Nach diesem Preludium zur Apokalypse zieht einen das folgende „Regret“ wieder ins Leben, obgleich der Grundton eindeutig pessimistisch bleibt. Das Stück wird von Akustikgitarren geprägt, es baut sich auf und ebbt wieder ab, vor allem ist es trotz seiner Nachdenklichkeit und Melancholie aber sehr kraftvoll. Es liegt vielleicht auch am Einsatz der Hammond-Orgel, aber hier wird auch der große Einfluss von Pink Floyd besonders deutlich. Es haben sich gewiss schon viele daran versucht, doch kaum einer, eigentlich keiner weiteren Band ist es bis dato so gut gelungen, dieses spezielle Feeling zu transportieren, welches die besten Songs späterer Veröffentlichungen von Floyd auszeichnete.

Das kompositorische Niveau ist hier (fast) durchgängig so hoch wie auf eigentlich keiner weiteren Veröffentlichung von Anathema, doch einen Song möchte ich noch ganz besonders hervorheben: „Re-Connect“. Die gesamte Band incl. Sänger steigt sofort ein, man glaubt zunächst, es hier mit einem recht gradlinigen Rocksong zu tun zu haben. Kaum ist die Strophe zu Ende, ebbt das Stück ab, Vincent seufzt, als richte er sich direkt an den Hörer: I could never turn to you, I was silenced by the look in your eyes, I feel I’m slipping back again. Erneut nimmt das Stück eine Wendung, die Handbremse wird gelöst, der Song baut sich zu erstaunlicher Größe auf. Die Dualität zwischen der puren Zerbrechlichkeit und Schönheit des Gesangs und der wachsenden Kraft und Aggression im instrumentalen Bereich ist in ihrer schieren Intensität kaum auszuhalten. Irgendwann haben die Musiker selbst diese Energie nicht mehr unter Kontrolle, die Drums überrollen sich selber, „Re-Connect“ steigert sich zu einem emotionalen Orkan. Come on and twist that knife again, well I’d like to see you fucking try, never going back again. Der Song stürzt von da an in einer Spirale unaufhaltsam in den Abgrund. Die Essenz einer zerrütteten Beziehung, ein vielleicht jahrelanger Kampf, komprimiert auf nicht einmal vier Minuten. Der vielleicht beste Song, den Anathema je geschrieben haben.

Visions from a dying brain,
I hope you don’t understand.


Morgen gibt es übrigens zwei alben (von der selben Band).
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  #56  
Alt 30.11.09, 16:54
Benutzerbild von ich_liebe_musik  
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Bomben Album!

vorallem enthält es meinen Lieblings Anathema Song "Fragile Dreams"
Wohl auch mein liebstes Album von ihnen, wobei "a natural disaster" zurzeit stark aufholt.
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  #57  
Alt 30.11.09, 17:54
Benutzerbild von ode to the sun
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Ich mag A Fine Day To Exit am liebsten
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  #58  
Alt 30.11.09, 17:57
Benutzerbild von spreewaldgurkenfee
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Mhh, Zeit für Listen!

1. Alternative 4.
2. The Silent Enigma
3. Judgement
4. A Fine Day To Exit (ein eigentlich eher "unscheinbares" Album, ist in letzter Zeit aber durchaus gewachsen..."Underworld"!)
5. Eternity
6. A Natural Disaster

7. Pentecost III

...

8. The Crestfallen/Serenades
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  #59  
Alt 01.12.09, 14:36
Benutzerbild von Mighti
あ!
 
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Der Fee-Thread?
Dagegen muss was unternommen werden!




Smile Down Upon Us - Smile Down Upon Us
(Static Caravan VAN161CD, Juli 2008, Audio CD)

Als ich die CD der Tokyoter zum ersten Mal einlegte wusste ich überhaupt nichts über sie. Und auch jetzt hat sich daran nicht viel geändert - bis auf die Erkenntnis, dass sie wundervolle Musik machen.
Eine Mischung aus Japanisch und vergleichsweise gutem Englisch bieten die Lyrics, doch sind diese nicht wirklich die Hauptattraktion auf dieser bisher einzigen Scheibe der Gruppe. Vorzustellen hat man sich das Ganze am besten als eine der bisher natürlichsten Fusionen aus Folk und Electronic die bislang erfolgt sind. Vom Konzept her nicht ungewöhnlich und schon öfters mit dem unsäglichen Begriff "Folktronic" beschrieben - und dennoch kaum jemals so gelungen wie auf dieser Scheibe.
Gleich der erste Song, Girl Of A Skin Coloured Blanket No. 2, verheißt von Anfang an Vielversprechendes. Nach ein wenig ätherischem Gehauche wird einem schnell klar, dass einem eine musikalische Reise von außergewöhnlichem Charakter bevorsteht. Weiter geht's mit A Child's Walk, My Body's Continents und Two Weeks Last Summer, die nicht nur alle ungewöhnlich unterschiedlich beginnen sondern ebenso unterschiedliche Stimmungen verbreiten - ohne aber jemals den Charakter der Band zu verlieren. Es schwingt immer eine gewisse Leichtfüßigkeit mit; eine Natürlichkeit für die man die Sängerin einfach nur drücken will.
南の風にさらわれていきました。
Es geht weiter mit Stücken die ebenso kurze wie wunderbare Geschichten erzählen, ohne dabei jemals die Musik selbst aus den Augen zu verlieren. Von "Kotoba no Yukue" bis "Tip Toe through the Tulips" ist jede Minute vollkommen unglaublich und bietet ein Klangbild wie ich es bisher noch nicht gehört habe und weiß in jeder Sekunde zu überzeugen.
In der Gesamtheit gesehen handelt es sich sicher um ein eher traurig-negatives Album - Partykracher wird man hier keine finden. Wer aber mit melancholischem Folk ODER melancholischer elektronischer Musik etwas anfangen kann, wird hier sehr sicher nicht enttäuscht werden.

10/10 Muetis
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  #60  
Alt 01.12.09, 16:59
Benutzerbild von spreewaldgurkenfee
confuzzled
 
Registriert seit: 08.2008
Beiträge: 3.205
Ach wo. Die totale Machtübernahme der Gurkenarmee ist nicht aufzuhalten.


10. Joy Division – Unknown Pleasures



Guess the dream always end
They don't rise up just descend
But I don't care anymore
I've lost the will to want more
I'm not afraid, not at all
I watch them all as they fall
But I remember, when we were young


Wenn es eine Band gibt, auf die man sofort und als erstes stößt, wenn man sich mit New Wave/Post-Punk befasst, wenn es ein Album gibt, in dem sich so eine (oberflächliche) Vorstellung der Klangästhetik von New Wave/Post-Punk manifestiert, so ist dies Joy Division, so ist dies „Unknown Pleasures“, wenn es ein wirkliches Sinnbild der Post-Punk-Bewegung gibt, so ist es eben dieses so schlichte wie stilvolle Cover. Schwarz, weiße Linien, Berge, Wellen, Erhebungen, düster und pragmatisch, minimal. Joy Division waren dabei die rückblickend vielleicht sogar wichtigsten Protagonisten, jedoch bei weitem nicht die einzigen und auch nicht die ersten.

Post-Punk war, wenn man so will, eine Reaktion auf konventionsgebundene Rockismen, aber auch auf die tumbe Aggressivität, den Anti-Intellektualismus und strikt verneinenden Nihilismus, die einengenden Grenzen und Ideologien des Punk. Symbolträchtig; Public Image Limited entstehen aus der Asche der Sex Pistols. Der Punk berief sich darauf, von der Straße zu kommen, die meisten New Wave/Post-Punk-Bands formierten sich im Umfeld von Kunsthochschulen. Post-Punk oder auch New Wave stand für Progressivität im wahrsten Sinne des Wortes; die Bands streckten ihre Fühler in Richtung des von den Punks verpönten Progressive Rock aus und entdeckten den Minimalismus, ließen sich von heißblütigen, primitiven afrikanischen Rhythmen und Funk genauso wie von kalter Electronica inspirieren, interpretierten Disco neu oder entsagten allen gängigen Normen und Strukturen. Nach dem Tod der Zukunft wurde eine Unendlichkeit von Möglichkeiten geboren. Unter den Bannern „Post-Punk“/“New Wave“ werden Bands von Throbbing Gristle bis Devo, Gang of Four bis Bauhaus, This Heat bis XTC zusammengefasst. Gemeinsam war einzig eine gewisse Grundidee, oder besser gesagt Motivation; tristgraue, unwirtliche, industrialisierte Hochhauslandschaften, eine katastrophale politische Lage, Orientierungslosigkeit, gesellschaftliche Entfremdung.

Als geistige Paten dieser Musik gelten der deutsche Krautrock, The Doors, The Velvet Underground, Nico, David Bowie, vor allem aber auch das Solo-Debüt von Iggy Pop, „The Idiot“. Vielleicht so etwas wie die größte und wichtigste Initialzündung, die junge Künstler dazu brachte, neue Wege zu beschreiten. Eine vielleicht ziemlich unwichtige Information: „The Idiot“ war das letzte Album, was sich auf dem Plattenteller von Ian Curtis drehte, als er sich mit 23 Jahren am 18. Mai 1980 erhängt hat. Eine etwas wichtigere Information dürfte sein, dass eben dieses exzentrisch-zähe Album während der Aufnahmen zu „Unknown Pleasures“ kaum den Plattenspieler verließ. Das war Ende der 70er bei vielen Bands so, ja, es gab auch gewiss Bands, bei denen dieser Einfluss direkter und deutlicher ans Tageslicht trat, bei Joy Division wurde der düstere Charakter dieses Albums auf ein neues Level gebracht.
Auffallend ist vor allem die enorme Basslastigkeit der Kompositionen; „She’s Lost Control“ lebt vor allem von seinem paranoiden, dabei höchst prägnanten Basslauf. Gitarren sind quasi nur begleitend, die Drums spielen statisch. Der Sound war für diese Zeit recht unüblich, da extrem hart, kalt und blechern, dabei aber perfekt die Klangästhetik der Musik akzentuierend. Ian Curtis intoniert mit charakteristischer, markant tiefer Stimme über diesem musikalischen Fundament die Texte. Ein schlichter, geradezu spartanischer Klang, dennoch von einer bemerkenswerten Größe und Dichte, ein edler, mattschwarzer Monolith.

Viele bezeichnen „Unknown Pleasures“ als eines der ersten Gothic-Alben der Musikgeschichte, ich persönlich würde eher sagen, es handelt sich um einen direkten Vorläufer, denn es gibt einen entscheidenden Unterschied: auf „Unknown Pleasures“ wird die Tragödie nicht zur Glorie und zum Ideal erhoben, nicht zelebriert, es ist kein Fluchtweg, der Tod ist nicht verwoben mit einem gewissen Hedonismus. Joy Division klingen dunkel, aber gänzlich pathosfrei. Insofern ist UP vielleicht eben doch ein Sinnbild der Post-Punk-Bewegung, zumindest ihrer verbindenden Grundmotivation. Denn UP ist nicht so sehr von künstlerischer Fortschrittlichkeit und übergeordneter Experimentierfreude geprägt wie andere Alben zu dieser Zeit, sondern eher von eben dieser Orientierungslosigkeit und gesellschaftlicher Entfremdung, von eben diesen tristgrauen, unwirtlichen, industrialisierten Hochhauslandschaften, von Angst, Einsamkeit, Lebensüberdruss, wachsender Distanz und Isolation. Die Lyrics schildern dies auf eine manchmal grausam treffende Art und Weise, sind weder metaphernreich-beschönigend noch offensiv. Manchmal gibt es noch eine Art sonderbare Energie, die keine ist, die „Disorder“ und „Interzone“ noch vorantreibt, das jedoch ohne wirkliche Wut, ohne Motivation, sie ist da, aber gezeichnet von Apathie. I’m not afraid anymore – hier ein Ausdruck eben dieser Apathie. Manchmal erhebt sich die isolierte Seele zum eindringlichen Klagegesang – wie in „New Dawn Fades“. I've walked on water, run through fire, can't seem to feel it anymore. It was me, waiting for me, hoping for something more, me, seeing me this time, hoping for something else. Manchmal klingen die Songs nicht ganz so abgenagt, manchmal herrscht zwischen den Tönen auch nicht ganz so viel Leere, wie in „Shadowplay“. In keinster Weise jedoch beim Grande Finale „I Remember Nothing“.

Der großartigste, einnehmendste, passendste Schluss, den ich mir für ein Album wie "Unknown Pleasures" vorstellen kann. Ein aus weiter Entfernung hallender Drumrhythmus, völlig entseelte Gitarren platzen manchmal in die Szenerie und verschwinden ebenso schnell wieder. Geräusche; Peitschenhieb-Effekte, Klirren. Ian Curtis‘ in dieser Kulisse weit im Vordergrund stehender Gesang. Dazwischen nichts, vor allem aber kein Licht. Schreiende Stille. Beengende Weite. Martin Hannet hat dem Album eine brillante Produktion auf den Leib geschneidert, was besonders in „I Remember Nothing“ deutlich wird; die Größe des Klangs liegt im Hall, dem endlos langen Abprallen und Schwingen der Schallwellen, bis man wieder auf ein halbwegs vertrautes Geräusch stößt. Man fühlt sich, als tappe man blind und verloren durch Curtis‘ damalige Gedankenwelt, wo er einen mit „We were strangers, for way too long.“ begrüßt, vielleicht auch eher durch die eigenen Untiefen. Die Töne scheinen sich gegenseitig, vor allem aber jegliches Leben von sich abzustoßen. Eine absolute Finsternis, in der man sich selbst nicht mehr findet. Me in my own world…eine Zeile, die in bestimmten Situationen erbarmungslos in mein Bewusstsein dringt und mir in diesem Kontext immer wieder Schauer über den Rücken jagt.


10. Joy Division – Closer



Asylums with doors open wide,
Where people had paid to see inside,
For entertainment they watch his body twist,
Behind his eyes he says, 'I still exist.'

This is the way, step inside.
This is the way, step inside...


Mit ungewöhnlichem Getrommel (spontan musste ich sogar an die weltmusikalische Offenheit von Talking Heads denken…), dem Bass als immer noch wichtigstes melodieführendes Instrument und leichtem industrialisierten Rauschen öffnet sich die Tür zu „Closer“. Besonders durch den (gewissermaßen auch erschreckend autobiographischen) Text wird sofort eine beklemmende, unbehagliche Stimmung verbreitet. „Atrocity Exhibition“ mutet an wie der Ort, an dem man sich nach „I Remember Nothing“ wiederfindet. Nachdem „Unknown Pleasures“ in seinem Minimalismus das ganze Fleisch von den Knochen genagt wurde, hat man sich auf dem Zweitwerk „Closer“ also ans Skelett gemacht? Mitnichten.

Dass Joy Division in die Fußstapfen von Queen oder zahlreichen 70er-Sympho-Prog-Kombos treten wollen würden, war nicht zu erwarten, und doch hat Produzent Martin Hannet das instrumentale Spektrum der Band beträchtlich erweitert. Obgleich sich die Band wie schon beim Vorgänger eher dagegen gesträubt hat, diese in ihren basischen Sound zu integrieren, sind hier Keyboards und elektronische Spielereien mitunter tragender Bestandteil der Musik; so im sentimentalen, zeitlos schönen Abschied „Decades“ und „Isolation“. Die Keys im genannten Song lassen alles Leben in ihrem Umkreis sofort erstarren, kratzen in ihrer Eisigkeit an der null-Kehlvin-Marke. Ein Aspekt, der bei Joy Division oftmals ziemlich unterschätzt wird, hier wie auch im musikalisch sinnesverwandten „Love Will Tear Us Apart“ zu tragen kommt, ist, der omnipräsenten Düsternis zum Trotz, auch eine gewisse Tanzbarkeit. Man könnte hier vielleicht entfernt auch an die spätere Ausrichtung der JD-Nachfolgeband New Order denken, noch eher aber an den immer noch latent durchscheinenden Punk-Spirit der Band, an ihre Wurzeln und die Energie, die sie bei ihren Live-Auftritten durchaus entfalten konnten. Meist konnte Hannet diese aber auch hier erfolgreich im Keim ersticken.

Eigentlich kaum zu glauben, dass da eine Steigerung überhaupt noch möglich war, doch klingen die Gitarren hier noch trister, blutleerer, lebloser als auf „Unknown Pleasures“. Das benommen vorwärtsrollende „A Means To An End“, das durch elektronische Verfremdung extrem fremdartige und gespenstische „Heart and Soul“ und „Passover“ klingen bis in ihr tiefstes Inneres zermürbt, resigniert und erkaltet. This is the crisis I knew had to come. Im Vergleich zur urbanen Aura von „Unknown Pleasures“ klingt „Closer“ wie allein und in völliger Abschottung von der Außenwelt in einem kleinen, unwirtlichen Zimmer aufgenommen, somit auch ungleich einsamer, isolierter, weltabgewandter und beklemmender. Trotz eines erweiterten Instrumentariums wirkt das Album beispiellos desolat, karg und abweisend. Inmitten der lethargischen Apathie und Unbewegtheit flackert jedoch besonders gegen Ende noch eine gewisse Kraft auf; „Twenty Four Hours“ könnte der energischste und dynamischste Song der Band sein, die sich immer wieder steigernde Energie ist in diesem Falle jedoch klar verneinend, Ian Curtis in Flucht vor dem grausamen Leben, aber auch sich selbst. Einzig von „The Eternal“ wird der Song in seiner Intensität noch übertroffen. Eine drastischere, tiefere, schwärzere, konzentriertere Vertonung von Depression habe ich bisher schlicht nicht erlebt, Curtis‘ gebrochener Gesang und der leise Tränenbach des Pianos begraben selbst den lichtesten Sommertag unter schweren Gewitterwolken.

Ian Curtis erhängte sich am 18. Mai 1980 mit 23 Jahren in seiner Wohnung, zwei Tage vor der geplanten Amerika-Tour, „Closer“ wurde im Juli 1980 posthum veröffentlicht. Seine in die Brüche gehende Ehe, der wachsende Erfolg seiner Band, die mit Medikamenten nur unzureichend bekämpfte Epilepsie und die Nebenwirkungen eben dieser Medikamente mussten ihn als Persönlichkeit schwer belastet, regelrecht zerrissen haben, was man jeder einzelnen geradezu erlittenen Note dieses Albums anhört. Vor diesem Hintergrund gerät „Closer“ zu Curtis‘ Requiem und mein Geschriebenes, aber auch der allgemeine Grundtenor und die Musik selbst bekommen einen (in meinem Fall nicht mal wirklich beabsichtigten/gewollten) morbiden Unterton. Dabei hätte das Album diesen Kontext zur vollen Entfaltung seiner Atmosphäre gar nicht nötig; auch nunmehr fast 30 Jahre nach seiner Erscheinung ist „Closer“ immer noch die radikalste, schonungsloseste und schlicht beste Vertonung psychischer Verwahrlosung, Isolation, Depression und Leere, die ich kenne (gut, eigentlich läuft ein anderes Album „Closer“ in der Hinsicht vielleicht sogar den Rang ab, dazu später mehr *kryptisch rumpalaver*).

People like you find it easy,
Naked to see,
Walking on air.
Hunting by the rivers,
Through the streets,
Every corner abandoned too soon,
Set down with due care.
Don't walk away, in silence,
Don't walk away.


(Auszug aus „Atmosphere“, nicht auf dem Album enthalten)
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