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Weltkulturalben

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  #1  
Alt 01.11.08, 18:24
Benutzerbild von Matthias Holtmann
Dr. Music
 
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Weltkulturalben

An dieser Stelle werde ich von nun an einige ältere, von mir sehr geschätzte Alben vorstellen.

Die folgende Liste dient der besseren Übersicht, welche Alben ich bisher vorgestellt habe, und wird ständig von mir aktualisiert werden:

01. Television - Marquee Moon (1977)
02. Pavlov's Dog - Pampered Menial (1975)
03. King Crimson - In The Court Of The Crimson King (1969)
04. The Velvet Underground - White Light/White Heat (1968)
05. This Heat - This Heat (1979)
06. Fleetwood Mac - Then Play On (1969)
07. Supertramp - Crime Of The Century (1974)
08. Kraftwerk - Die Mensch-Maschine (1978)
09. Leonard Cohen - Songs Of Love And Hate (1971)
10. Bruce Springsteen - Nebraska (1982)
11. Third Ear Band - Third Ear Band (1971)
12. Steely Dan - Aja (1977)
13. Genesis - The Lamb Lies Down On Broadway (1974)
14. Pink Floyd - Ummagumma (1969)

P.S.: Sofern ich Vorstellungen editiere, dann deshalb, weil mir Fehler bezüglich Rechtschreibung oder Groß- und Kleinschreibung aufgefallen sind.

Geändert von Matthias Holtmann (21.12.08 um 18:00 Uhr).
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  #2  
Alt 01.11.08, 18:25
Benutzerbild von Matthias Holtmann
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Television - Marquee Moon (1977)

Wir schreiben das Jahr 1977. An der New Yorker Bowery grassiert das Punk-Rock-Fieber. Bands wie die Ramones, Patti Smith, die Talking Heads, Blondie oder auch Television zelebrieren in Clubs wie CBGB und Max's Kansas City das Lebensgefühl einer neuen aufregenden Musik, die sich als anarchistisch und subversiv versteht. Die gegen das Kleinbürgerliche, das Spießige, die etablierte Mainstream-Kultur, aber auch gegen die Musik der Mitsiebzieger rebelliert - Prog, Glam und Rockdinosaurier, die sich vermeintlich selbst überlebt haben.

Einer der Kreativköpfe dieser Szene ist Tom Verlaine. Ein spindeldürres, knochiges Männchen, das Anfang der 70er-Jahre in die City kommt, um Dichter zu werden, dann aber mit Richard Hell erst die Neon Boys und schließlich Television gründet. Ein Quartett, das sich musikalisch auf The Velvet Underground, Love, aber auch 13th Floor Elevator und Steve Reich bezieht, und seinen Artgenossen eine entscheidende Sache voraushat: seine Mitglieder beherschen nicht nur ihre Instrumente, sie bedienen sie sogar ziemlich virtuos.

Was sich auf ihrem Debüt "Marquee Moon" niederschlägt. Ein Werk, das vom quengeligen Nasalgesang von Tom Verlaine - der in der Form an David Byrne denken lässt -, den zwei Leadgitarren (Tom Verlaine/Richard Lloyd) und seinem warmen, offenen Sound lebt, den man - aus heutiger Sicht - nie mit Punk in Verbindung bringen würde. Eher mit einem Soloalbum von Lou Reed, dem Television auch sonst ziemlich nahe stehen. Etwa was das Schreiben hektisch-nervöser Rocksongs mit intelektuellen Texten, manisch coolem Großstadtfeeling, verspielten Melodien und - ein echtes Novum in dem Bereich - langen Gitarrensoli betrifft. Für die übrigen Bands ein absolutes "no go" - wahrscheinlich, weil sie dazu rein technisch gar nicht in der Lage sind.

Anders Television. Die vergehen sich ungerührt und ungeniert an jazzigem Gefrickel, wilden disharmonischen Experimenten und nicht zuletzt freier Improvisation. Gerade Nummern wie das Titelstück oder "Tom Curtain" lassen jedes konventionelle Songformat hinter sich und ufern einfach nur aus. Sofern es bei diesem Sammelsurium aus spartanischen, kantigen, unterkühlten und verhaltenen Songs überhaupt so etwas wie einen Ohrwurm gibt, dann "Friction", in dem Tom Verlaine wie eine männliche Patti Smith klingt - mit der er im übrigen auch liiert ist.

Überflüssig zu sagen, dass "Marquee Moon" zwar ein Liebling der Kritiker, aber kein Verkaufsschlager ist. Lediglich in England erreicht es Position 28 der dortigen Albumcharts. Die Band löst sich zwei Jahre später wegen interner Probleme auf, ihr Debüt wird dagegen zum Wegbereiter des New Wave und Post-Punk gefeiert. Sonic Youth, The Strokes, R.E.M., Mission of Burma, U2, The Vines, ja selbst Nirvana - in ihnen allen steckt ein kleines, aber feines bisschen Television.

Geändert von Matthias Holtmann (07.11.08 um 20:20 Uhr).
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  #3  
Alt 01.11.08, 20:07
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Pavlov's Dog - Pampered Menial (1975)

Pavlov's Dog sind versunken und vergessen. Auch für eingefleischte Musikkenner ist die US-Band nur mehr eine Fußnote der Rockgeschichte, und selbst in einschlägigen Lexika ist sie selten bis gar nicht gelistet. In der Rückschau wird sie denn auch meist nur mit einem einzigen Song in Verbindung gebracht, dem butterweichen Liebesschwur "Julia".

In ihrer kurzen Karriere wandelte sich die Band aus der 350.000-Einwohner-Stadt St.Louis, Heimat von Rock'n'Roll- und Blues-Größen wie Chuck Berry oder Albert King, von einem melodramatischen Nischenrock-Spektakel zu einem dramatisch zerstrittenen Melodic-Rock-Debakel. Doch zumindet Pavlov's Dogs erstes von insgesamt drei Alben aus dem Zeitraum 1975 bis 1977 ist eine Welt für sich. "Pampered Menial" ist eine eine einzigartige Melange aus Progressive Rock, Rhythm'n'Blues, Folk, Hard-Rock und Versatzstücken der Klassik. Mit nur 34 Minuten schafft es die siebenköpfige Truppe um Hellium-Tenor David Surkamp sowie den beiden ehemaligen Chuck Berry-Begleitmusikern, Mike Safron und Doug Rayburn, einen homogenen Klangkosmos zu erschaffen, in dem Klavier und Mellotron, akustische und elektrische Gitarren, aber auch Flöten und Streichinstrumente gleichberechtig nebeneinander stehen. Dominiert werden acht der neun Stücke jedoch vom durchdringenden Gesang, für den sich David Surkamp verantwortlich zeigt, neben dem sich das Falsett eines Geddy Lee wie ein Nebelhorn ausnimmt.

Eröffnet wird das Debüt mit dem bereits erwähnten "Julia", gefolgt vom eindringlichen "Late November" und der Jethro Tull-Reverenz "Song Dance". Mit "Fast Gun" folgt einer der magischsten Pavlov's Dog-Songs, der in dem hypnotischen Mantra "You wear the fast gun, wear it low/You like to kiss her when you go" ausläuft. Der Steve Scorfina-Track "Natchez Trance" beschließt Seite 1 der Vinylausgabe. Das wunderschöne, pianogetragene "Theme From Subway Sue" leitet den zweiten Durchgang ein. Besonders hier schwingt sich das Organ von David Surkamp in so lichte Höhen auf, dass man ein ums andere Mal eine Frauenstimme zu hören glaubt. Klavier und Mellotron machen das anschließende "Episode" zu einem tief emotionalen Mini-Epos - feierlich wie ein Passionsspiel. Dann "Preludin": im Ursprung zehn, jetzt anderthalb Minuten lang, fungiert es als instrumentaler Prolog des alles überstrahlenden Schluss- und Glanzpunktes "Of Once and Future Kings", einem vorzeitlichen Opus über Heldenmut, das seine unwiederstehliche Klimax in den bewegenden Zeilen "Red light and green light and men in their armor/And fight for the queen if you dare/It's a long way to go to test out your mettle/Long way to go, to go down" hat, Unterlegt ist dies mit hymnischer Epik, die einem unweigerlich das Wasser in die Augen und Schauer über den Rücken treibt. Alles, was diese wunderliche Band in ihren besten Augenblicken zu schaffen vermochte, hier manifestiert es sich.

Die letzten Worte auf "Pampered Menial" lauten "You better go down again". Pavlov's Dog selbst hatten diese Parole am konsequentesten beherzigt. Nach ihrer ersten Platte litt die Band an personellen wie kreativen Aderlass und an den Drogenproblemen ihrer Member. Umstände, von denen sich die St. Louis Hounds trotz weiterer Alben nicht mehr erholen sollten. Das Vermächtnis dieser versunkenen Rockband ist denn auch einzig ihr Debüt. Dieses jedoch lohnt es, dem Vergessen zu entreißen.

Geändert von Matthias Holtmann (10.11.08 um 21:21 Uhr).
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  #4  
Alt 02.11.08, 00:33
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King Crimson - In The Court Of The Crimson King (1969)

Ende 1969 fiel den Mitgliedern von Genesis eine Platte in die Hände, von der Tony Banks rückblickend sagt, "dass dies das letzte Album war, dem wir richtig zugehört haben.". Und David Stopps, ein alter Freund der Band, erinnert sich: "Sie sagten, sie hätten das Album alle zusammen angehört, wieder und wieder, ungefähr sechs Stunden. sie konnten einfach nicht glauben, wie gut es war.".

Verbeugungen dieser Art sind Legion. Sie gelten einer Debütplatte, die wie kaum eine andere als Initialzündung für ein ganzes Genre gilt. Ihr Name ist so sinnesverwirrend wie die knapp 45 Minuten ihrer richtungsweisenden Musik: "In The Court Of The Crimson King - An Observation By King Crimson". Bereits das Eröffnungstück "21st Century Schizoid Man" wirkte wie Schock: Eine kurze Sequenz aus dumpfen Dröhnen und Pfeifen geht unmittelbar in einen sich überschlagenden Heavysound-Overkill aus Gitarre, Bass, Schlagzeug und Saxophon über. Dieser erlöst sich in einer fiebrigen, mit effektvollen Pausen angereicherte Freejazz-Strecke. Im wütenden Finale gerinnen alle Instrumente zu einem dissonanten Noise-Klumpen. Dann, plötzlich und unvermittelt: die sachten, sich wie in einem Windhauch wiegenden Flöten des McDonald/Sinfield-Stücks "I Talk To The Wind". Ein Übergang, ebenso radikal wie der berühmte Filmschnitt - rotierender Knochen/Schnitt/rotierendes Raumschiff - im ein Jahr zuvor in die Kinos gekommenen Stanley Kubrick-Streifen "2001: A Space Odissey". Das folgende "Epitaph" weist bereits auf das furiose Schluss- und Schlüsselstück "The Court Of The Crimson King" voraus. Hier wie dort üppigste Mellotron-Wogen, die sich im Verbund mit den übrigen Instrumenten zu den berühmten Walls of sound auftürmen - feierlich, sakral und bleischwer. Wie bei einer Weihbehandlung - "But I fear tomorrow I'll be crying.". Die zweite Plattenseite wartet mit dem Experimentantalstück "Moonchild" auf. Versponnene Gitarrenläufe stehen neben träumerischen Keyboardeinsprengseln und fahrigen Percussionsfetzen. Ein Stück klassischer Avantgarde, das die Sonderstellung dieses Werks zementiert.

Die einzigartige Stimmung des Albums wird auch getragen durch die mal ätzend-provokante, mal dunkel-romantische, ein weiteres Mal ätherische Lyrik von Peter Sinfield. Zum unangreifbaren Klassikerstatus hat zudem das atemberaubende Artwork beigetragen. Es stammt vom 1970 im Alter von 24 Jahren verstorbenen Künstler Barry Godber. Er verpasste der Platte ein überdimensional verzerrtes Gesicht, dessen Augen angstvoll, ja, panisch an einem vorbei starren. Was sie sehen, wir wissen es nicht. Wirkt das Artwork im CD-Format allerdings bestenfalls beunruhigend, so lässt es den Betrachter des Schallplatten-Covers verstört zurück. Ohne "In The Court Of The Crimson King" - das lässt sich ohne Übertreibung sagen - hätte sich der Progressive Rock anders entwickelt.

Geändert von Matthias Holtmann (20.12.08 um 17:44 Uhr).
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  #5  
Alt 02.11.08, 02:27
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The Velvet Underground - White Light/White Heat (1968)

The Velvet Underground sind 1968 am Boden. Drei Jahre zuvor als illusionsfreier Gegenentwurf zur träumerischen "We Shall Overcome"-Kultur der Hippies angetreten, zeigt das Quartett aus New York mittlerweile deutliche Abnutzungserscheinungen: Die ständigen Streitereien zwischen John Cale und Lou Reed, das Zwerwürfnis mit ihrem Förderer Andy Warhol und der steigende Drogenkonsum zermürbt die Band. Ebenso der Misserfolg des Debüts "The Velvet Underground & Nico". Die US-amerikanischen Medien hassen die Velvets. Das Feedback-Getöse und die herausfordernden Texte sind den meisten Kritikern zu leprös. Sie ignorieren das Album. Derart bedrängt, schleudern die Avantgarde-Rocker mit "White Light/White Heat" ein noch radikaleres, noch aggressiveres Werk hinterher.

Die von Tom Wilson produzierte Platte merzt die afroamerikanischen Wurzeln der noch jungen Rockmusik aus. Hier swingt und groovt nichts mehr. Stattdessen regieren monotone Maschinenrhythmen, brutales Bassspiel und kreischende Gitarrensounds. Lou Reed, John Cale, Maureen Tucker und Sterling Morrison zersetzen alles bisher Gehörte. Liefern harten, ungestreckten Stoff: Das Titelstück mit dem angriffslustigen Piano-Stakkato ist ein überdosierter Speed-Trip. "The Gift" kommt als Wort-/Musikexperiment daher: Aus dem linken Kanal quillt die Geschichte von Waldo Jeffers, der sich selbst als Geschenk verschickt, sich dabei so gut verpackt, dass die Herzens-Adressatin entnervt einen Metallschneider in die Kiste rammt. Auf dem rechten Kanal brodeln die Instrumente als giftiger Sud ungerührt vor sich hin. Dann die heimtückische "Lady Godiva's Operation". Das höhnische "Here She Comes Now". Der Nekrophillie-Schocker "I Heard Her Call My Name", der sich in einem fiebrigen Rückkopplungsgewitter erleichtert - und dann "Sister Ray": ein Noise-Overkill, in dem Gitarren und Orgel siebzehn Minuten lang Gift und Galle spucken.

Das in drei Tagen aufgenommene Album ist eine Pionierarbeit ohne Beispiel, ist elektrisch verstärkte Anti-Haltung. "White Light/White Head" ist der Urknall, der unaufhörlich Legionen infizierter Independent-Bands gebiert. Der aber auch das kreative Kraftfeld der Velvets auseinander reißt und die Band am Boden zerstört.
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  #6  
Alt 02.11.08, 10:50
Benutzerbild von Susanna
to wreak havoc
 
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Sehr schön geschrieben. Bin gespannt was noch kommt.
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und du fragst mich wo ueben die, die immer siegen?
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  #7  
Alt 02.11.08, 12:19
Benutzerbild von spreewaldgurkenfee
confuzzled
 
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Zitat:
Zitat von Susanna Beitrag anzeigen
Sehr schön geschrieben. Bin gespannt was noch kommt.
Allerdings .

"In The Court of the Crimson King- An Observation By King Crimson" ist ein absolutes Meisterwerk, einerseits, weil es seiner zeit voraus war, andereseits würde es mich auch heute noch beeindrucken. Großartiges, bizarr-schönes Klangkaleidoskop!


Television und The Veltet Underground (da habe ich nur das Debüt mit Nico) stehen schon seit ewig,5 auf meiner Einkaufsliste, das Review zu Pavlov's Dog liest sich interessant, werde ich mal anchecken.
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When I was young, I invented an invisible friend called Mr. Ravioli. My psychiatrist says I don't need him anymore, so he just sits in the corner and reads.
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  #8  
Alt 02.11.08, 20:26
Benutzerbild von Matthias Holtmann
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This Heat - This Heat (1979)

In Zeiten musikalischer Umbrüche tut man sich schwer mit Ein- und Zuordnungen sowie Kategorisierungen von neuen Musiken. Weil aber ein auf Umbrüche sensibilisiertes Publikum bereit ist, sich mit neuer Musik zu beschäftigen, stößt es mitunter in Randbereiche vor, die es nie geträumt hat zu betreten. So war das Ende der 70er-Jahre, als alle möglichen neuen Musiken von Punk über Pub-Rock bis hin zur Avantgarde unter dem Begriff des New Wave subsumiert wurden, nur weil sie neu waren. So erging es This Heat, die mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum 1979 ein heterogenes Publikum aus Punks, New Wavern und Experimentierlustigen erreichte, zumal This Heat noch auf dem Label von David Cunningham erschienen war, der ja auch eher ein Experimentator war, aber durch sein Projekt The Flying Lizards als New Wave wahrgenommen wurde.

Charles Bullen, Charles Hayward und Gareth Williams arbeiteten seit Februar 1976 an den Aufnahmen des Debütalbums. Jeder der drei Musiker ist ein Multiinstrumentalist. Das Spektrum der verwendeten Instrumente bewegt sich allerdings im eher konventionellen Bereich, was man von der Musik keineswegs behaupten kann. Dies liegt hauptsächlich an der Art und Weise, wie das Trio mit den Tönen umgeht und diese verarbeitet. Die Instrumente dienen als Klangerzeuger. Der Klang, aufgenommen auf Tonband, dient nun als Ausgangsbasis, um damit die Stücke zusammenzumischen, Klangspuren übereinderzulegen und die Sounds zu manipulieren, bis jeglicher Bezug zu konventionellen Vorstellungen von Melodie oder Harmonie verwischt ist. Schon der Opener "Testcard" ist gemein, da so leise, das unvorsichtige Hörer, die zu früh den Lautstärkeregler aufdrehen, beim Einsetzen des zweiten Titels "Horizontal Hold", mit Hörschäden zu rechnen haben. Heftiges Schlagzeuggewitter, repetitive Bass- und Gitarrenriffs, merkwürdige Klänge wie aus einer verschnupften Klarinette, stürzen auf den Hörer ein, organisch miteinder verbunden, so dass das Endprodukt wie das stampfende Tosen einer Industriemaschine zu einem merkwürdigen Reggaeriff wirkt. Dann "Not Waving". Ein leicht dissonanter Schwebeklang aus einer psychodelischen Orgel und der einsetzende Gesang, der wie die Singstimme von Robert Wyatt in tiefster Trauer ertönt, tragen den Hörer auf einer Welle der Verwunderung davon. Auf "Water" experimentieren die Musiker zunächst mit diversen Gamelan-Klängen, bevor sie die volle Breitseite diverser Schlaginstrumente und den tiefen Klang eines Blasinstruments zum Besten geben, die am Ende von geisterhaften, neurotischen Sirenen tief im Meer abgelöst werden. "Twilight Furniture" dagegen ist Ethno-Musik für urbane Stadtbewohner nach der Apokalypse. Trommeln treffen auf Eintongitarre und Trauergesang. Selbige Musik bedient auch "The Fall Of Saigon" mit seinem repitiven Indianer-Drumming zu Jimi Hendrix-Gitarren im Zeitlupenformat. Dazwischen gibt es mit "24 Track Loop", "Diet Of Worms", "Music Like Escaping Gas" und "Rainforest" bizarre, teilweise etwas stärker elektronisch geprägte Stücke. Das schon bekannte "Testcard" beendet die Platte, so wie sie begonnen hat.

"This Heat" ist eine der Platten, die auch fast 30 Jahre später noch ein völlig rostfreies Hörvergnügen bietet, das von einem atemberaubenden Konglomerat aus Live-Improvisationen, Noise, manipulierten Tapes, Loops, frühen Sampling-Versuchen, Musique Concrète und dekodiertem Rock-Instrumentarium gespeist wird. Die Band war definitiv ihrer Zeit weit voraus.
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  #9  
Alt 04.11.08, 05:50
Benutzerbild von Tortenheber
glaubwürzig
 
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  #10  
Alt 04.11.08, 17:18
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Talking Heads - Remain in Light?
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  #11  
Alt 04.11.08, 17:54
Benutzerbild von spreewaldgurkenfee
confuzzled
 
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Bin mir ziemlich sicher, dass die noch kommen.


Spekulieren ist lustig: "Unknown Pleasures"/"Closer"? Swans?
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  #12  
Alt 04.11.08, 18:40
Benutzerbild von mutant  
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Laughing Stock / Spiderland ?
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  #13  
Alt 04.11.08, 18:49
Benutzerbild von BlackMage  
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  #14  
Alt 04.11.08, 19:16
Benutzerbild von Trashy
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Can und die die noch viel viel grösseren AMON DÜÜL II ...

her mit dem krautrock thread (bin gespannt)!

Geändert von Trashy (05.11.08 um 17:42 Uhr).
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  #15  
Alt 07.11.08, 20:17
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Fleetwood Mac - Then Play On (1969)

Die Geschichte von Fleetwood Mac begann an dem Tag, als der Vater der britischen Blues, John Mayall, einen gewissen Peter Green als Nachfolger für Eric Clapton anheuerte. John McVie zupfte schon einige Zeit den Tieftöner für John Mayall's Bluesbreakers, und deren Drummer, Aynsley Dunbar, wurde bald durch Mick Fleetwood ersetzt. Die Idee der drei Neuen, eine eigene Blues-Band zu gründen, wurde von Mike Vernon, Produzent und Labelbesitzer, gefördert. Mit Jeremy Spencer (Gitarrist) wurde das Line-Up erweitert, das zu Beginn traditionellen Blues authentisch coverte. Die Stilistik wurde breiter, als Christine Perfect - später Christine McVie - als Pianistin aushalf und mit dem jungen Blondschopf Danny Kirwan ein zweiter Gitarrist zur Band stiess. Kleinere Erfolge stellten sich bald ein, und mit ihnen die internen Probleme innerhalb der Band. Peter Green missfiel der Starruhm, während Jeremy Spencer - er hatte den Ruf eine Ulknudel zu sein - darunter litt, seine Vorliebe für Rock'n'Roll-Parodien nicht auf den Platten der Band unterbringen zu dürfen.

Wie alle Geniestreiche von Fleetwood Mac entstand auch "Then Play On" in solchen durch Krisen geschüttelten Zeiten. Das wundervolle Cover - mit einem Gemälde von Maxwell Armfield - zeigt auf dem Innenfoto noch die Quintettbesetzung, doch behauptet Mick Fleetwood in seiner Autobiographie, das Album sei bereits ohne Jeremy Spencer - der in eine Sekte in Los Angeles abtauchte -, also im Quartett Peter Green/Mick Fleetwood/John McVie/Danny Kirwan, eingespielt worden. In diesem Vierer lag das Gewicht nun eindeutig auf Peter Green, der den Löwenanteil der Kompositionen lieferte und dessen depressive Lyrics das Album prägten und musikalisch zu einem homogenen Kunstwerk werden liessen. Es sollte sein letztes für die Band sein.

Den Einstieg besorgt "Coming Your Way" von Danny Kirwan mit schrillen Intro-Riffs, perkussivem Rhythmusgeflecht, lieblichen Gitarrenlinien und Walzertaktfinale. Sparsam instrumentiert und ultra slow, im glasklaren Sound von "Man Of The World" gehalten, folgt "Closing My Eyes" von Peter Green - durchtränkt von Kummer und Selbstmitleid. Im energiegeladenen "Show-Biz Blues" liefert er, begleitet nur von Rassel und Händeklatschen, ein Paradestück der Slide-Technik, während seine virtuos sanfte Spielweise in "Underway" gefühlvoll dahinschwebt wie einst ihr "Albatross". Der neunminütige Zweiteiler "Oh Well" - allerdings nur in der Single-Auskopplung unterteilt in "Part One" und "Part Two" - beginnt mit einem furiosen Rock-Segment und lässt im zweiten Teil ein intensives Konzert für Gitarre, Cello und Flöte mit Himalaya-Klängen und spanischen Arabesken erklingen. Man kann wunderbar dazu sagen, doch grandios wäre die passendere Bezeichnung für dieses Hörerlebnis.

Die zweite Seite der Platte wird wieder mit einem Stück von Danny Kirwan eingeleitet: Sein schüchterner Love-Song "Althought The Sun Is Shining" gefällt durch wohlige Harmonien, der zweitstimmige Gesang sorgt für zusätzliche Gänsehaut. Dafür kracht der erdige Blues-Rocker "Rattlesnake Shake" von Peter Green - zu verstehen als Ode an die Masturbation und als Heilmittel für den Blues - umso heftiger und lautet die laute Phase des Albums ein. Aus stundenlangen Jamsessions im Studio entstand die Collage "Searching For Madge": mal jazzig treibend, mal rockig und verschärft wie der "Midnight Rambler" der Rolling Stones in seinen besten Momenten. "Fighting For Madge" scheint so etwas wie der Take 57 derselben Session zu sein, die Pause zwischen den Tracks hätte man sich schenken können. Die Credits der beiden "Madge"-Nummern verlieh man kumpelhaft an Mick Fleetwood und John McVie, damit die Band-Namensgeber auch etwas von dem Tantiemenkuchen abbekamen. Dezenteren Blues hört man in "Like Crying" von Danny Kirwan, wunderbar wieder der mehrstimmige Gesang und besonders die gackernde Gitarre. Den besinnlichen Ausklang besorgt "Before The Beginning" von Peter Green, die vor Schmerzen klagende Gitarre vermischt den "Albatross" mit dem wehmütigen "Double Trouble" von John Mayall auf sehr ergreifende Weise.

Im Mai 1970 verkündete Peter Green seinen Ausstieg, überließ sein komplettes Vermögen karitativen Zwecken und verabschiedete sich für lange Zeit vom Musik-Business, um fortan in einem Hospital und als Friedhofsgärtner zu arbeiten.

Geändert von Matthias Holtmann (15.11.08 um 15:43 Uhr).
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  #16  
Alt 10.11.08, 21:53
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Supertramp - Crime Of The Century (1974)

Verschwörerisch beginnt das Album. Mit einem düsteren Harmonika-Motiv. Ganz wie im Westernklassiker "Spiel mir das Lied vom Tod" von Sergio Leone. Dazu rumpelt es spannungsgeladen im Hintergrund. Mit völlig unorthodoxen Gitarrenspielereien geht es weiter, bis schließlich der energische Rhythmus einsetzt, der bei der Textzeile "...and you're full of doubt" wieder abbricht. Danach bündeln sich Gitarren, Bass und Percussion in einem Crescendo, das von einem Monster von Klaviersolo gekrönt wird. Dann wie ein Schuss: "Don't do this and don't do that...make a good boy of you.". Diese musikalische Geißelung eines menschenverachtenden Schulsystems gehört bis heute ohne Zweifel zu den prägnantesten Songs der Rockgeschichte. "School" wird auch für künftige Heranwachsende immer wieder von Bedeutung sein.

Nahezu alle Songs auf "Crime Of The Century" handeln vom beschwerlichen Kampf, innere Werte und die eigene Identität in einer teilweise lebensfeindlichen Umwelt zu bewahren - das visionäre Cover-Artwork symbolisiert dies in der Darstellung eines Gefangenen hinter Ginterstäben im eiskalten Universum. Das Album bietet raffiniert-funkelnde Juwelen, die sich so recht keinem Genre zuordnen lassen wollen: weder straighter Rock, noch Progressive Rock, noch Blues, noch Pop, und doch alles in einem. Mit diesem Verbrechen haben Supertramp eine Meisterleistung an kompositorischer Stärke, komplexen Arrangements, musikalischer Ausdruckskraft, strotzender Rockenergie, subtiler Blues- und Jazzstilistik und gesellschaftskritischen Texten hingelegt.

"Bloody Well Right" ist ein hervorragender Bluesrock-Kracher voller beißender Ironie. "Hide In Your Shell" so etwas wie der vergessene Schatz des Albums. Mit "Asylum" folgt ein wahrhaft wahnwitziger Song, der von der Angst handelt, ins Irrenhaus gesteckt zu werden. Das Ende wirkt geradezu klaustrophobisch. Die eigensinnige, ekstastische Single "Dreamer" setzte einen bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gehörten, einzigartigen E-Piano-Akzent in der Rockmusik. "Rudy" ist in punkto Arrangierkunst vieleicht das Meisterstück der Platte - inspirierte Pianoklänge verschmelzen mit Geräuschen und organischen Streichern zu einem faszinierenden Soundgemälde. Der introvertierte Protestsong "If Everyone Was Listening" verschafft eine wichtige dramaturgische Verschnaufspause, um die Bahn frei zu machen für eines der fröstelndsten Werke des Rock: das Titelstück. Hier wird noch einmal eine ungeheuere Dramatik realisiert: das kehlige Organ von Rick Davies trifft in Mark und Bein, der Bass bearbeitet den Magen, das Drumming knallt einem förmlich ins Gesicht, die Gitarre sticht in die Ohren. Zuletzt übertrifft das repetitive Piano zusammen mit den Streichern und einem ganz und gar fantastischen Saxophonsolo noch einmal alles. Zurück bleibt aufgrund dieses Epos nur Staunen.

Roger Hodgson hat danach nie wieder so bestechend Gitarre gespielt, Rick Davies nur noch selten genauso gute Songs geschrieben, beide haben sich nie wieder so kongenial ergänzt. "Crime Of The Century" bleibt eine beispiellose Sternstunde für komplexe Arrangements im Rock.

Geändert von Matthias Holtmann (16.11.08 um 01:07 Uhr).
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  #17  
Alt 16.11.08, 01:13
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Kraftwerk - Die Mensch-Maschine (1978)

Spätestens seit dem Expressionismus war die deutsche Kunst reich an abstrakten Utopien und utopischen Abstraktionen. Kein Wunder, dass eine Band wie Kraftwerk weltweit als Inbegriff des Deutschen im Pop wahrgenommen wurde. Mit ihrem Album "Die Mensch-Maschine" bedienten und übersteigerten sie dieses Klischee, brachen aber auch mit ihm.

Nach Platten wie "Autobahn", "Radio-Aktivität" und "Trans Europa Express" hatte "Die Mensch-Maschine" zumindest oberflächlich einen provokanten politischen oder sozialkritischen Ansatz. Der Titel war zugleich Programm. Die Songs setzten sich subtil mit dem Verhältnis Mensch und Maschine auseinander. Im Jahr 1978, also im prädigitalen Zeitalter, war das noch eine rein mechanische Beziehung. Mit ihrer entmenschlichten Maschinenmusik schienen Kraftwerk geradezu prädestiniert, sich eines solchen Themas anzunehmen. Songs wie "Roboter", "Neonlicht" oder das Titelstück entwerfen eine düstere Zukunftsperspektive, die dennoch voller Faszination ist, weil sie auf Urängsten beruht und auch lustvoll in die jüngere Vergangenheit greift. Der Song "Metropolis" beruft sich offen auf den gleichnamigen Film von Fritz Lang, einen Klassiker des deutschen expressionistischen Kinos.

Auch das Artwork spielt mit verschiedenen Assoziationen der 20er- und 30er-Jahre. Das kosequent in Rot, Schwarz und Weiß gehaltene, den Arbeiten des russischen Künstlers El Lissitzky nachempfundene Cover symbolisiert Propaganda, Diktatur und Bedrohung, die grafische Anordnung erinnert eher an die Bauhaus-Epoche. In der personellen Umsetzung des optischen Mensch-Maschine-Konzeptes ging die Band soweit, anstatt der leibhaftigen Musiker mechanische Puppen an die Live-Front zu schicken. Erstmals in der Geschichte des Pop griffen Musiker den postmodernen Ansatz auf, sich nicht selbst als Autoren zu begreifen, sondern als Verlängerung der Maschinen. Die Grenzen zwischen Original und Kopie, genuinem Organismus und maschinellem Klon wurden radikal aufgehoben.

Bei aller konzeptionellen Strenge ist das Album jedoch eine Wende, ja, eine Aufweichung der bisherigen Kraftwerk-Ästhetik. Die Songs wirken poppiger, tanzbarer und vordergründig auch lieblicher als in der Vergangenheit. Kurz vor Beginn der 80er-Jahre öffnete vor allem die Single-Auskopplung "Das Model" einer ganzen Szene neue Perspektiven, die noch in den Startlöchern stand. Der britische Synthie-Pop, allen voran Ultravox, Human League, OMD und Depeche Mode, wäre ohne die Blaupause aus Düsseldorf undenkbar. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass das Album drei Jahre nach Erstveröffentlichung seine größten Triumphe auf den britischen Inseln feierte.

"Die Mensch-Maschine" ist vielleicht nicht das stärkste Album von Kraftwerk, doch zweifellos ihr auf lange Sicht einflussreichstes Werk. Für Kraftwerk selbst ist es letztlich nur ein nachhaltiges Bekenntnis zur eigenen Identität, denn die Mensch-Maschine ist niemand anderes als sie selbst.
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  #18  
Alt 17.11.08, 21:03
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Zitat von Matthias Holtmann Beitrag anzeigen
Pavlov's Dog
bin vor nem Jahr oder so mit anderen Musikbegeisterten auf Pavlov's Dog gekommen
und somit auf die komplette CD neugierig geworden

jau, schönes Album!
Stimme einzigartig!

am diesem WE wieder..!
mit nem anderen Bekannten, Jahrgang 69, zufällig auf die Hundecover-Band gekommen, Julia war das Stichwort ;D

hab die CD somit gestern wieder vorgekramt und paar Durchläufe gestartet
uuund neugierig den Bericht gelesen..
__________________

http://www.lastfm.de/user/Sandi71/
you can make me dance like a chicken
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  #19  
Alt 28.11.08, 14:54
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Leonard Cohen - Songs Of Love And Hate (1971)

Der letzte Teil der Song-Trilogie von Leonard Cohen war fraglos der intensivste und dunkelste. Produzent John Simon hatte den ersten Teil "Songs Of Leonard Cohen" (1968) verantwortet, ein auf säuselndemn Folk-Rock gebettetes Poesie-Album mit hellen Mädchenstimmen und Glockenspiel. Bob Johnston verzichtete für den zweiten Teil "Songs From A Room" (1969) auf jeglichen musikalischen Ballast und setzte auf karge Instrumentierung, welche dem sonorem Raunen von Leonard Cohen mehr Raum und Präsenz gaben. Ein Klang-Ideal, das für den dritten Teil "Songs Of Love And Hate" entscheidend verfeinert wurde, mithilfe der ingeniösen Streicher-Arrangements, die von Paul Buckmaster dirigiert wurden. Streicher, die den umnachteten Songs enorm viel Tiefe und Dichte verliehen, die anschwellen und abebben wie nächtliche Gezeiten, nicht bloß ornamentierend, sondern überhöhend.

Die Zeile "I stepped into Avalanche, it covered up my soul" leitet dieses Album ein und "Avalanche", der dazu gehörige Song, absorbiert mit seiner Atmosphäre nicht nur jeden Lichtstrahl der Hoffnung, sondern leitet die Zeit der Dunkelheit ein, ganz so wie es das nüchterne, schwarz gehaltene Cover-Artwork suggeriert, auf welchem Leonard Cohen mit gepriesenem Sarkasmus, den er in verzweifelter Form auch im Song-Material des Albums einstreut, etwas irritiert in die Höhe schaut. Während "Last Year's Man" höchtens in einer gefangennehmenden Trostlosigkeit badet, bildet "Dress Rehearsal Rag" das schwarze, zuckende Herz dieser Platte. Neben der suizidalen Paranoia von "Dress Rehearsal Rag" erscheinen die anderen Lieder von "Songs Of Love And Hate" geradezu gutmütig und warmherzig. Mit den Jahren wurde Leonard Cohen immer milder und gleichmütiger, hier aber lockt noch die Todessehnsucht in seiner beispiellos plastischen Poesie. "That's a funeral in the mirror", kapituliert Leonard Cohen, die Rasierklinge im Anschlag, das Ziel vor Augen - "The veins stand out like highways.". Doch im Augenblick der Wahrheit versagt letzlich der Mut, das aufgewühlte Streichorchester von Paul Buckmaster schwillt ab, und der Mädchenchor fällt ein - "Wasn't it a strange way down?". Der Song schnürt mir jedesmal verlässlich die Kehle zu.

Dagegen wirken die folgenden mit Country-Einschlag gekleideten "Diamonds In The Mine" fast etwas chancenlos, doch auch sie vermitteln kaum Fröhlichkeit. Neben der inspirierten Poesie auf "Love Calls You By Your Name" entführt uns Leonard Cohen dann mit dem "Famous Blue Raincoat" wieder dorthin, wo er uns anscheinend am liebsten haben möchte: ins Tal der Trauer. Die knifflige Beschreibung einer Dreiecksbeziehung wird von Leonard Cohen derart trübselig vorgetragen und von kargen, melancholischen Arragements vorangetrieben, dass man im besagten Tal der Trauer versinken möchte. Man sollte dabei zumindest versuchen - sofern es die schwarze Magie des Poeten zulässt - wieder zurückkehren. Ansonsten entgeht das wiederum gespenstische "Sing Another Song, Boys", in dem es heisst "They'll never ever reach the moon, at least not the one that we're after", und das kryptische, abschliessende "Joan of Arc", gleichsam eine Verbeugung vor Johanna von Orléans wie eine Liebeserklärung an Nico, der einstigen Begleitsängerin von The Velvet Underground.

"Songs Of Love And Hate" ist das Meisterwerk des kanadischen Poeten und löst von Anfang bis Ende ein heftiges Unwohlsein aus. Dunkler geht es fast nicht mehr. Schön bedrückend und bedrückend schön!

Geändert von Matthias Holtmann (20.12.08 um 17:45 Uhr).
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  #20  
Alt 28.11.08, 19:33
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Bruce Springsteen - Nebraska (1982)

Ausgestattet mit einem Vier-Spur-Rekorder und bewaffnet mit seiner Stimme, seiner Gitarre und seiner Mundharmonika nahm Bruce Springsteen dieses Meisterwerk des amerikanischen Existenzialismus alleine in seinem Schlafzimmer auf. Bruce Springsteen skizzierte eine Welt, die einen Glauben ohne Gott und eine Emphatie ohne Mitleid andeutete; und erzählte von Mördern ohne Reue, Polizisten, kleinen Ganoven und der Verlorenheit auf nächtlichen Strassen, wenn auch die beste Landkarte keinen Weg mehr weisen kann.

Die Sprache ist brutal und lakonisch wie früher bei Ernest Hemingway, der Tod ist die einzige Lösung. "Well sir I guess there's just a meanness in in this world", sagt Charles Starkweather, der zu Tode verurteilte Serienmörder, im eröffnenden Titelstück, "I can't say that I'm sorry". Das nachfolgende "Atlantic City" handelt von einer desillusionierten Gesellschaft, in der junge arbeitssuchende Menschen keinerlei Aussicht auf vernünftige Arbeit haben und deshalb ihr vermeintliches Glück in der Kleinkriminalität suchen, um die Grundlagen für ihre Existenz zu erlangen. Mit "Mansions Of The Hill" liefert Bruce Springsteen ein magisches Bild der Kindheit ab - die Erinnerung ist das einzige Paradies in dieser tristen schwarz-weisen Welt. "Johnny 99" handelt von einem Mord mit anschliessendem Prozess - ähnlich wie das Titelstück nur aus einer anderen Perspektive erzählt. In "State Trooper" fleht der einsame Fahrer: "Hey somebody out there, listen to my last prayer/Deliver me from nowhere.", während "Highway Patrolman" von einem Polizisten handelt, der seinen eigenen Bruder nach einer Straftat absichtlich entkommen lässt. "Used Cars" handelt von einem Mann, der von einem Gebrauchtwagenhändler hereingelegt wurde. In "Open All Night" berichtet Bruce Springsteen von einer nächtlichen Fahrt eines jungen Mannes zu dessen Freundin. Dabei schiesen dem jungen Mann irrsinnig viele Gedanken durch den Kopf. Möglicherweise ein autobiografischer Song, auf jeden Fall das einzige Lied des Albums, das Bruce Springsteen etwas hoffnungsvoller, ja, gemessen an den anderen Stücken fast schon in entspannter Heiterkeit vorträgt. Mit "My Father's House" verarbeitet Bruce Springsteen sein angespanntes Verhältnis zu seinem Vater.

Alle diese kleineren oder grösseren Dramen handeln von Menschen, die auf die schiefe Bahn oder in eine missliche Lage geraten sind - selbst verschuldet oder auch nicht - und die dennoch ihre Hoffnung niemals aufgeben. So zu hören im versöhnlichen und abschliessenden Stück der Platte: "Reason To Believe".

"Nebraska" ist das reduzierteste und meiner Meinung nach auch das schönste aller Bruce Springsteen-Alben.

Geändert von Matthias Holtmann (07.12.08 um 21:04 Uhr).
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