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Weltkulturalben

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  #21  
Alt 29.11.08, 04:34
Benutzerbild von Matthias Holtmann
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Third Ear Band - Third Ear Band (1971)

Third Ear Band waren neben der Incredible String Band die absoluten Kandidaten für den Preis Freak Out In The Sixties - sofern es denn so eine Auszeichnung tatsächlich gegeben hätte. Die Kommune aus Canterburry hatte mit John Peel auch einen namhaften Förderer, der sogar auf dem Debütalbum "Alchemy" der Band mitwirkte und die jüdische Harfe bediente.

Mit leicht veränderter Besetzung spielte die Third Ear Band ein Jahr nach ihrem Debüt ein zweites, selbstbetiteltes Album ein. In musikalischer Hinsicht unterscheidet sich das selbsbetitelte Album nicht sonderlich von seinem Vorgängerwerk. Fernöstliche Stimmungen werden mit ägyptischer Mystik fusioniert und in die englische Folk-Tradition eingebunden. Bestandteile dieses abenteuerlichen Sounds waren eine Menge diverser Percussions-, Streich- und Holzblasinstrumente. Gegenüber dem Debütalbum allerdings durch Naturklänge angereichert, welche die Band mit einem Tonband eingefangen hat. Überwiegend handelt es sich dabei um Wind- und Wassergeräusche. Insgesamt ist die Platte um einiges dichter und spürbar intensiver ausgefallen und die vier Longtracks dringen in Bereiche vor, die den Hörer sowohl bezaubern als auch verängstigen können - manchmal auch beides innerhalb eines Stückes.

Nahezu immer hypnotisch, stellenweise auch voller Ekstase wiegen sich die vier Elemente aus den Boxen. "Air" windet zu Beginn der Platte sehr seltsam aus den Lautsprechern. Nach bedrohlichem Windrauschen schälen sich richtiggehend hektische Töne mehrerer Tablatrommeln, die sich nach einer Anlaufzeit in einem repetitiven Muster verfangen. Dazu wetteifern die Holzblasinstrumente - hier überwiegt der Klang einer Oboe - und die Streicher in einer freien Improvisation. Das zehnminütige Stück wirkt zunächst etwas spröde, bohrt sich dann aber in beharrlicher Ergiebigkeit in den Gehörgängen fest.

"Earth" ist ein getragener Folk-Tanz, der an Plätze entführt, die nicht aus dieser Zeit stammen. Bestimmt von gezupften Streichinstrumenten - wobei das Cello die Funktion des Basses einnimmt -, dem Klappern von Schelleninstrumenten und diversen Oboenstimmen neigt man dazu, den aktuellen Kalender zu betrachten, um sich zu vergewissern, ob man sich tatsächlich noch im Hier und Jetzt oder im Mittelalter befindet. Das zehnminütige Stück steigert sich langsam und stetig bis nach fünf Minuten einen ersten Höhepunkt erreicht. Dann fängt sich das ganze wieder ein, bevor es wieder beruhigt von vorne beginnt.

Das neunminütige "Fire" bietet einen langen Drone in ähnlicher Machart wie "Air". Verstimmte Streicherlinien dröhnen in tollkühner Vielschichtigkeit dahin, begleitet von quäkenden und drängelnden Oboen, und den repetitiven Tablatrommeln. Von diesen intensiven, äußerst rhythmischen Klängen wird man derart eingeholt, dass man kaum noch still sitzen kann, während man vor dem geistigen Auge indische Gurus um ein Feuer tanzen sieht. "Water" entpuppt sich zunächst als ein formloser Klang, in dem sich der Wind und das Wasser des Tonbandes mit einem dahingleitenden, gleichsam sehr dissonanten Flächen-Sound vermischt. In seiner Machart erinnert dies an die ersten Gehversuche teutonischer Kraut-Elektroniker - Klaus Schulze mit "Irrlicht" kommt mir da in den Sinn. Doch nach einiger Zeit verwandelt sich auch dieses siebenminütige Stück in einen perkussiven von Streichinstrumenten und Oboen dominierten Tanz, der sich zum Ende in einer Meeresbrandung auflöst.

Dieses Album bietet ausgesprochen intensive Sound-Landschaften und eine abwegig erscheinende Reise durch seltsamste Traum- und Alptraumlandschaften, die 1971 ziemlich für sich standen. Etwas vergleichbares ist mir unbekannt - im entfernteren Sinne höchstens die Musik von Comus, wobei diese Band im Gegensatz zu Third Ear Band bodenbeständiger und folkorientierter zu Werke ging.

Geändert von Matthias Holtmann (07.12.08 um 21:09 Uhr).
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  #22  
Alt 07.12.08, 20:58
Benutzerbild von Matthias Holtmann
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Steely Dan - Aja (1977)

Es gibt nur ganz wenige Gruppen in der Geschichte der Rockmusik, die sich in ihrer Karriere von Produktion zu Produktion gesteigert haben. Steely Dan gehören definitiv dazu. Den vorläufigen Höhepunkt ihrer Entwicklung erreichten sie 1977 mit dem Album "Aja", das sowohl hinsichtlich der Kompositionen, der Produktion und der musikalischen Mischung zum Besten gehörte, das jemals auf Tonträger festgehalten wurde. Die Entwicklung von einer zwar qualitativ hochstehenden, jedoch realtiv normalen Rockband mit sechs Mitgliedern zu einem Duo - bestehend aus Walter Becker und Donald Fagen -, das mit sorgsam ausgewählten Sessionmusikern das Material einspielte, das es selbst geschrieben und arrangiert hatte - mit der Hilfe des von Anfang an als Partner im Studio agierenden Produzenten Gary Katz -, fand ihren Endpunkt in "Aja".

Die Qualität der Langspielplatte resultiert vor allem aus drei Faktoren. Die sieben Kompositionen waren jede für sich unterschiedlich, jedoch stilistisch ähnlich genug, um sie einem Stil zuzurechenen, den man grob mit Fusion bezeichnen könnte. Zum Zweiten wirkten die instrumentalen Parts derart elegant und ausgefuchst, dass man sich schwer tat, Bands zu finden, die auf einem ähnlichen Niveau musizierten. Zum Dritten war die Tonqualität der Produktion so gut, dass man die Lieder bei vielen Konzerten vor dem Auftritt der jeweiligen Künstler hörte, weil man damit die Anlage ideal aussteuern konnte.

Schliesslich ist auch die Reihenfolge der Songs so gut ausgewählt worden, dass sie einen idealen Spannungsbogen bildet. "Black Cow" eröffnet die Platte mit einem leichten Disco-Rhythmus, wunderbaren Harmonien und jazzigen Elementen. Unterstützt von unwiderstehlichen Background-Sängerinnen und umgarnt vom grandiosen Saxophonspiel von Tom Scott zieht das Album von Beginn an den Hörer in seinen Bann. Der Titeltrack wirkt danach mit seinem Latin-Feeling, der Percussion und dem entspannten Gesang von Donald Fagen wesentlich relaxter, ehe der "Deacon Blues", der natürlich keiner ist, die erste Plattenseite stilvoll beendet, mit dem zündenden Refrain und feinen Bläser-Einsätzen.

Die Instrumentalparts der ersten Plattenseite stecken voller Ideen. Diese finden wir auch in "Peg" vor. Vorzüglich ist dieser abwärts geslappte Basslauf beim Refrain, der groovende Rhythmus-Teppich und dieses unnachahmliche Gitarren-Solo, an dem sich etliche Session-Gitarristen die Finger wund gespielt hatten, und es trotzdem nicht so hinbekommen hatten, wie das perfektionistische Duo sich das wünschte. Bis irgendwann Jay Graydon auftauchte und den Wunsch des Duos in die Tat umsetzte. Nach dem jazzigen "Home At Last" wird das Tempo mit dem vom wundervollen Klavierspiel von Donald Fagen und den Vibes von Victor Feldman geprägten "I Got The News" angezogen, bevor das Album mit dem herrlich souligen "Josie" abgeschlossen wird.

Direkt nach Veröffentlichung der Platte wurde selbiger sofort der Klassikerstatus zugesprochen. Hier waren Kritiker aus der ganzen Welt ausnahmslos einer Meinung. Seit dem gehört dieses Werk zu den Produktionen, die für die 70er-Jahre stehen wie wenige andere. Unglücklicherweise hatte das Duo damit seinen künstlerischen Höhepunkt überschritten. Zwar wurde das Nachfolgeralbum "Gaucho" bedingt durch die erfolgreiche Single-Auskopplung "Hey Nineteen" kommerziell erfolgreicher, doch musikalisch konnte es mit "Aja" nicht mithalten. Noch nie fiel musikalischer Perfektionismus so elegant und relaxt wie auf "Aja" aus. Eine echte Ausnahme-Platte.

Geändert von Matthias Holtmann (20.12.08 um 17:45 Uhr).
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  #23  
Alt 20.12.08, 17:48
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Genesis - The Lamb Lies Down On Broadway (1974)

"Mit "The Lamb Lies Down On Broadway" wollte ich versuchen, Genesis von den 60er-Jahren in die 70er-Jahre zu bringen." Ein gewaltiger Anspruch, den Peter Gabriel rückblickend mit der Arbeit an einer der ungewöhnlichsten und schwierigsten Platten der Rockgeschichte verknüpft. Tatsächlich stellt das 1974 erschienene Konzept-Album textlich wie musikalisch einen Sonderfall auch in der Diskografie der Band dar. Weder vorher noch nachher klangen die Briten wie in diesem modernen Heldenepos. Selbst eingefleischte Anhänger hatten an diesem Brocken zunächst gewaltig zu schlucken, da er eine radikale Kehrtwende gegenüber den bisherigen Aufnahmen der Gruppe darstellte.

Bereits der Plattentitel und das im Stile eines Triptychon gehaltene Foto-Cover machten klar: Genesis sind nach ihren Ausflügen in sagenhafte Vorzeiten - "Trespass" - und ins Zeitalter des Viktorianismus - "Nursery Crime" - im zwanzigsten Jahrhundert angekommen. Klappt man das Cover auf, ist man zunächst mit dem Storyboard des Albums, einer Underground-Hagiographie, konfrontiert. Der wohlbehütete einstige Internatzögling Peter Gabriel beschreibt hier die emotionalen Lebensstationen von Rael, einem puertoricanischen Mitglied einer Gang, das sich auf den Strassen von New York durchschlägt. Peter Gabriel interessiert sich indes mehr für die seelischen Irrfahrten seines Zivilisations-Abenteuerers denn für dessen tagtägliche äußere Kämpfe um ein Minimum an Respekt und Anerkennung. Verlustängste, Isolation, Nahtoderfahrungen, die symbolische Kastration als Folge sexueller Obsessionen und Ausschweifungen sind die Klippen, die er den jungen Outlaw auf dessen surrealen Trip umschiffen lässt.

Dieser für Progressive Rock-Platten der 70er-Jahre definitiv ungewöhnliche Plot wird untermalt von einer bis dato nicht gehörten Musik. Tony Banks, Steve Hackett, Mike Rutherford und Phil Collins haben mit der Hilfe von Produzent John Burns einen hypermodernen, trotz seiner Keyboard-Lastigkeit streckenweise äußerst provokanten und aggressiven, gleichzeitig artifiziellen wie geerdeten Soundtrack für das Konzept hingeschleudert. Stücke wie "Fly On A Windshield", "Broadway Melody Of 1974", "The Chamber Of 32 Doors", "Back In N.Y.C." oder "The Waiting Room" beweisen, dass Genesis 1974 bereit waren, sämtliche Brücken hinter sich abzubrechen, um in völlig neue, zum Teil avantgardistische rockmusikalische Sphären vorzudringen. Die Band spielte wie aus einem Guss, und Peter Gabriel liefert mit dem unvergleichlichen "Carpet Crawlers" und dem überwältigenden Schlüsselstück "The Lamia" gar seine besten Gesangsleistungen für Genesis ab. Dass es sein Schwanengesang werden sollte, ist die Tragik dieses ambitionierten Überwerkes.

"The Lamb Lies Down On Bradway" ist auch nach über dreißig Jahren eine kryptische Odyssee, ist eine Kammer mit 32³² Türen geblieben, von denen jede einzelne zu einer anderen Auslegung der mit Mythen-, Bibel- und Psychoanalyseverweisen befrachteten Geschichte von Rael führt. Die Platte gibt ihr Geheimnis nur zögerlich Generation um Generation preis.

Geändert von Matthias Holtmann (20.12.08 um 21:40 Uhr).
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  #24  
Alt 21.12.08, 18:05
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Pink Floyd - Ummagumma (1969)

1969 wollten Pink Floyd ein Album aufnehmen, das eher die experimentelle Seite der Band zeigte, nach dem sich vor allem Rick Wright beschwerte, dass sich die Musik zu sehr dem konventionellen Rock annäherte. Der Vorschlag, jeder der vier Musiker sollte für sich allein eine halbe Langspielplattenseite füllen, begeisterte die Band besonders deshalb, weil diese Idee neu und einzigartig war. Die vorübergehende Trennung in vier Teile sollte also keineswegs als erstes Anzeichen für interne Krisen angesehen werden.

David Gilmour und Nick Mason schienen zumindest ein wenig mit der Aufgabe überfordert gewesen zu sein, plötzlich etwas Eigenständiges auf die Beine zu stellen. Sein Beitrag "The Narrow Way" bietet zwar schöne Slide-Gitarrenpassagen, doch letztlich nicht genügend Songwriting, um den Track zusammenzuhalten. Inhaltlich geht es um das Erwachsenwerden eines Kindes. "The Grand Vizier's Garden Party" von Nick Mason ist lediglich ein langes Experiment, auf welchem mit Hilfe von Studiotechnik - beispielsweise Overdubs und manipulierte Tonbänder - das Treiben auf einer Gartenparty nachempfunden wurde. Das Zerschneiden und Zusammensetzen von Sounds wurde zu einer Steilvorlage für Elektronik-Pioniere wie Muslimgauze und Autechre, die viele Jahre später auf diese Technik zurückgriffen. Mit "Sysyphus" legte Rick Wright wohl den ambitioniertesten Track vor, der seine klassische Ausbildung offenbarte und dem bekanntlich sinnlosen Bestreben des Sysyphus gewidmet wurde, eine vernünftige Arbeit zu verrichten. Für die einen ist es ein Stück zeitgenössischer Avantgarde, für die anderen das längste Klavier-Geklimpere der Welt. Roger Waters schaffte mit "Grantchester Meadows" einen stimmungsvollen Song mit überlauter Akustikgitarre. Man kann vor dem geistigen Auge förmlich sehen, wie Roger Waters, David Gilmour und Syd Barrett als Kinder auf den Wiesen von Grantchester Meadows am Westufer der Cam, jenem Fluss in Cambridge, unweit ihrer Elternhäuser spielten. "Several Species Of Small Fury Animals Gathered Together In A Cave And Grooving With A Pict", der zweite Beitrag von Roger Waters, ist ziemlich abgefahrener Nonsense. Was zunächst als ruhiger und stimmungsvoller Folk-Song beginnt, verwandelt sich wenig später in eine meisterhafte Klang-Collage, die durch eine wilde Fliegenjagd eingeleitet wird. Mehrere pelzige Kleintiere gehen zusammen mit einer Horde von lauten Kobolden und Zwergen in eine Höhle - diese Geschöpfe kann man auch wahrnehmen - und hören dort einem Neandertaler bei einer verrückten Rede zu, der selbstverständlich in tiefstem schottischen Dialekt zu seinen kleinen Zuhörern spricht: "...and the wind cries mary...". Sofern man dieses Stück bei halber Geschwindigkeit abspielt, hört man irgendwann David Gilmour sagen: "This is pretty avantgarde, isn't it?". Und bei doppelter Geschwindigkeit sagt Roger Waters klar und deutlich: "Bring back my guitar.".

Letzlich schien der Band jedoch ein reines Experimental-Album zu gewagt, so dass "Ummagumma" mit Hilfe von Live-Aufnahmen zu einem Doppelalbum aufgestockt wurde. Das Live-Repertoire der ersten Phase sollte ohnehin allmählich abgelöst werden und so war es an der Zeit, ein Resümee zu ziehen. Die vier ausgewählten Tracks "Astronomy Domine", "Careful With That Axe, Eugene", " Set The Controls For The Heart Of The Sun" und "A Saucerful Of Secrets" zeigen die Band auf ihrem damaligen Live-Zenit. Dennoch war die Band nicht zufrieden mit den Aufnahmen, weil die Live-Atmosphäre nicht eingefangen werden konnte. Trotzdem, die Live-Tracks sind erstaunlich in ihrer Qualität und geradezu richtungsweisend dafür, wie Long-Tracks aufgebaut sein müssen - "Careful With That Axe, Eugene" kann man auch durchaus als Blaupause bezeichnen. Für Pink Floyd selbst bedeutete das Album den Eintritt in eine neue Phase, hinein in den Artrock, dessen Flagschiff die Band in den 70er-Jahren werden sollte.
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  #25  
Alt 21.12.08, 22:41
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to wreak havoc
 
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Wunderschön beschrieben, ich habe das Album gekauft und wieder verschenkt weil es mir zur abgedreht war.
__________________

und du fragst mich wo ueben die, die immer siegen?
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  #26  
Alt 28.02.10, 17:30
Benutzerbild von Bad Moon Rising  
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Weltkulturalben (Part Two)

Ich habe mich entschlossen das Erbe meines ehemaligen "Alter Egos" auch an dieser Stelle anzutreten.

Die Thematik bleibt unverändert. Ich möchte einige von meinen älteren, sehr geschätzten Alben vorstellen.

Die folgende Liste soll lediglich der besseren Übersicht dienen:

01. Grateful Dead - Live/Dead (1969)
02. Captain Beefheart & His Magic Band - Trout Mask Replica (1969)
03. Patti Smith - Horses (1975)
04. Magma - Mekanïk Destruktïw Kommandöh (1973)
05. Henry Cow - In Praise Of Learning (1975)
06. Nico - The Marble Index (1969)
07. John Cale - Music For A New Society (1982)
08. Sonic Youth - Daydream Nation (1988)
09. Amon Düül II - Yeti (1970)
10. Can - Tago Mago (1971)
11. Joy Division - Unknown Pleasures (1979)

Geändert von Bad Moon Rising (08.10.11 um 22:14 Uhr).
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  #27  
Alt 28.02.10, 17:33
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Grateful Dead - Live/Death (1969)

"Live/Dead" aufgenommen im Frühjahr 1968 in San Francisco, veröffentlicht im Folgejahr, ist vieles zugleich - ein Dokument der amerikanischen Hippie-Kultur auf ihrem Zenit, der Schnappschuss einer Band an ihrem Wendepunkt, die vielleicht authentischste Live-Aufnahme der Psychedelic-Ära. Vor allem aber ist "Live/Dead" eine Einladung zu einer Zeitreise. Zu dieser Musik kreisten die Joints, während die Gitarre von Jerry Garcia durch interstellare Räume surfte - damals.

Der Spirit von 1968 weht einem mit erstaunlicher Frische entgegen, wenn man die Bilder betrachtet - und die Musik hört: "Dark Star", finstern, funkelnde Kraft, sternenklare Gitarrennoten, dunkler Bass und tänzelndes Schlagzeug. Dazu der ätherische Gesang von Jerry Garcia - ein Eispalast von einem Song, unübertroffen bis heute. Danach das mitreißende Medley: der lange Jam um "Turn On Your Lovelight", der rabenschwarze Blues "Death Don't Have No Mercy", die Kakophonie von "Feedback", der fromme harmonische Wunsch "And We Bid You Goodnight". Niemals wurde das fliessende, organische Auf und Ab eines Grateful Dead-Gigs überzeugender eingefangen.

"Live/Dead" war aber auch der Abschied der Band von den Experimenten ihrer frühen Alben. 1970 sollte mit "Workingman's Dead" die Hinwendung zu den Wurzeln originär amerikanischer Musik folgen, Jerry Garcia setzte sich mit seiner Vorliebe für Country und Bluegrass durch. Tom Constanten, der Keyboarder, verliess bald darauf die Band. Ron "Pigpen" McKernan, der Sänger von "Turn On Your Lovelight", starb 1973. Grateful Dead setzten ihren long strange trip fort, der erst mit dem Tode von Jerry Garcia am 09. August 1995 endete. "Live/Dead" steht für die Essenz der Band: Es ist eine Zeitkapsel, welche die Energie und Intensität eines musikalischen Augenblickes vor vierzig Jahren enthält.

Die Kunst von Grateful Dead bestand darin, sich zu verlieren - in endlosen Kollektiv-Improvisationen, dem Zusammenspiel der Jerry Garcia-Gitarre und der doppelt besetzten Drum-Section, Bill Kreutzmann und Mickey Hart. Es entstanden Momente, in denen die Zeit stillzustehen schien. Momente - das zeigte sich schon früh -, die schwer auf Platte zu bannen waren. Was zählte, war die Magie des Augenblicks, und genau diese lässt sich nicht reproduzieren. Auf "Live/Dead" ist das dennoch gelungen - ein absoluter Glücksfall, der sich kaum wiederholen liess. Im Studio lieferten Grateful Dead später Meilensteine wie "Workingman's Dead" oder "American Beauty" ab, allzu oft aber auch reichlich mediokres Material. Die Live-Aufnahmen, die folgen sollten, transportierten oft nur einen schwachen Abglanz der Auftritte, welche die kultig verehrte Band für ihre treuen Anhänger inszenierte wie psychedelische Volksfeste.

Das änderte sich erst Mitte der 90er-Jahre, nach dem Tod von Jerry Garcia und der offiziellen Auflösung der Band: Nun öffneten sich die Archive, zahlreiche Konzerte der Grateful Dead wurden komplett in bester Klangqualität auf dem kompakten Silberling veröffentlicht. Erstmals konnte man dem Genie der Band, ihrer Inspiration und ihrer Tagesform mit offenenen Ohren nachspüren. "Live/Dead" jedoch bleibt der Monolith im Back-Katalog der Grateful Dead. Es ist eine jener Platten, die eine Band definieren, eine Zeit, einen Ort - und eine Szene.

Geändert von Bad Moon Rising (07.10.11 um 13:13 Uhr).
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  #28  
Alt 03.03.10, 22:12
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Captain Befheart & His Magic Band - Trout Mask Replica (1969)

1969 war ein gutes Jahr für die Musik. Alles schien möglich. Das Publikum war hungrig nach neuen Klängen wie nie zuvor - und wie es möglicherweise nie wieder sein sollte. Nur so erklärt sich, dass ein Album wie "Trout Mask Replica" von Captain Beefheart sich zu einem Klassiker entwickeln konnte. Eine Platte, die wohl in jeder anderen Epoche der Rockmusik nahezu ungehört verhallt wäre.

"Trout Mask Replica" ist ein Sammelsurium von achtundzwanzig nahezu perfekten Fragmenten, das sich sämtlicher zur Verfügung stehender Stilelemente bedient. Das musikalische Spektrum reicht von freier Jazz-Improvisation über kraftvollen Blues-Rock, komplexen Progressive-Rock, Musique Concrète, imaginärem Folk, Gospel, Arbeiterliedern, Shanties bis zu kompletten Nonsense. Ähnlich verhält es sich mit den Texten: vieles scheint keinen Sinn zu ergeben, doch unterschwellig setzt sich Captain Beefheart alias Don Van Vliet mit allen diskussionswürdigen Themen seiner Zeit auseinander. Ein Grossteil der Texte existierte laut Captain Beefheart schon vorher in Gedichtform. Er deutet nur an, begnügt sich mit dem Unvollendeten, das aber in seinen Mikroelementen makellos geformt ist.

Vieles wirkt zunächst willkürlich zusammengesetzt, nervös, atonal und asymetrisch - die rhythmischen und melodischen Strukturen springen herum, wo und wie sie wollen; auf ähnliche Weise wie bei Cecil Taylor, während Captain Beefheart wie ein einsamer Werwolf singt, der durch die Nacht heult. Doch genau genommen ist jedes Element am richtigen Platz. Gerade die übergreifende Balance der Kräfte und Gewichtungen gehört zu den Bravour-Stücken dieses Albums. Was hier nach spontanem Freigeist klingt, wurde mit der Präzision eines Kammerorchesters inszeniert. Um nachträglich jede Klarheit auszumerzen, verwischte der Maestro in damaligen Interviews alle Spuren. So behauptete er beispielsweise, er hätte sich die Musik für das Doppelalbum spontan - innerhalb von acht Stunden - ausgedacht, obwohl die beteiligten Musiker schworen, er habe ungefähr drei Wochen konzentriert daran geschrieben. John "Drumbo" French, seines Zeichen der Schlagzeuger der Magic Band, übersetzte die anspruchsvolle Pianopartitur von Captain Beefheart für die übrigen Instrumente der Band. Anschliessend wurde das Material acht Monate lang bis zu vierzehn Stunden täglich geprobt, wobei den Musikern während dieser Zeit verboten war, das Haus von Don Van Vliet zu verlassen. Eine extreme Platte, die also auch unter extremen Umständen zustande kam. Das Album wurde von Frank Zappa für dessen Straight Records-Label produziert, und neben den Musikern der Magic Band stellte Frank Zappa auch ein paar seiner eigenen Mitstreiter - Ian Underwood, Roy Estrada und Don Preston - für die Sessions seines ehemaligen Schulkameraden ab.

"Trout Mask Replica" ist ein Monolith der Geschichte des Rock. Vieles nimmt den derben, futuristischen Blues vorweg, den Tom Waits bis in die heutige Zeit immer wieder gerne transportiert und zelebriert, doch dazwischen war das Album für Legionen von Post-Punk-, Jazzcore,- und Avantgarde-Bands wegweisend. Trotzdem ist nur höchst selten etwas konzeptionell ähnlich Dichtes und Komplexes gelungen wie dieses surrealistische Meisterwerk. Und was heute kaum vorstellbar ist: "Trout Mask Replica" war damals eine echte Expedition in unbekanntes Terrain.

Geändert von Bad Moon Rising (03.03.10 um 22:25 Uhr).
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  #29  
Alt 04.03.10, 22:01
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Patti Smith - Horses (1975)

"Jesus died for somebody's sins but not mine". Mit diesen unsterblichen Worten begann die Karriere von Patti Smith. Wie dereinst Jeanne d’Arc setzte sie mit "Horses" ein in der Rockmusik weithin sichtbares Fanal für die Frauenbewegung. Überhaupt war der Kampf der Geschlechter eines der zentralen Themen der Debütplatte von Patti Smith. Nach dem Rock-Stomper, "Gloria", der sich musikalisch an die grosse Zeit des Garagen-Rock anlehnt, folgt mit "Redondo Beach" die vertonte Geschichte eines Lesbenpärchens, in welcher eines hässlichen Nachmittags eine der Frauen tot am Strand aufgefunden wird. Selbstmord. Auch in der grossen Erzählung "Birdland" geht es um den Tod, eine Obsession und spätere Leidenserfahrung, welche Patti Smith nicht mehr loslassen sollte. Ein kleiner Junge in Neuengland wünscht sich in innigen Gebeten seinen verstorbenen Vater zurück. Der kommt schliesslich in Form eines Gesichtes im heissen Sand tatsächlich zurück - eines der vielen Beispiele für den Tanz um Spiritualität, den Patti Smith noch desöfteren vollführen sollte. Die dreiteilige Suite "Land" ist ein weiteres Beispiel dafür, wie sehr auf "Horses" noch die Poetin das Zepter schwingt. "Because The Night" oder "Frederick" waren eine ganze Ecke weit entfernt.

Auf "Horses" dominiert das raue, ungestüme Zusammenspiel aus anarchistischer Poesie und der Attitüde des Proto-Punk. Neben den langen Epen "Birdland" und "Land", dem der Plattentitel "Horses" entlehnt ist, wird auf dem Album aber durchaus auch rohe Rockkost aufgetischt, die den heissen, ungebändigten Atem des Punk in sich trägt. Neben "Gloria" toben auch "Free Money" und "Break It Up". "Kimberly" nimmt rhythmisch eher die 80er-Jahre vorweg, und "Elegie" ist ein wirklich herrlich getragener und gelungener Abschluss der Platte. Der Anteil der Patti Smith Group, wie sie erst später heissen sollte, am Erfolg dieses Albums kann nicht hoch genug angesetzt werden. Lenny Kaye (Gitarrist), Richard Sohl (Pianist) - beide bereits verstorben -, Ivan Kral (Bassist, Gitarrist) und Jay Dee Dougherty (Drummer) leisteten ganze Arbeit.

Beatnik-Lyrik und Rock-Schamanismus, darin bestand die Formel von Patti Smith - quasi ein Amalgam aus der anspruchsvollen Poesie eines Bob Dylan, der Punk-Musikalität eines Lou Reed und der Bühnen-Ekstase eines Jim Morrison. So viel Rock-Energie war man(n) anno 1975 von einer Dame nicht gewohnt. Janis Joplin war ja bereits im Oktober 1970 in den ewigen Hallen des Rock angekommen. Patti Smith, eh und jeh eine Revoluzzerin, tat also dringend Not im männerdominierten Zirkus des Rock.

Produziert wurde "Horses" von John Cale, einem wahrhaften Genossen im Geiste. Einen weiteren Bruder im Geiste lässt sich auf dem legendären Cover-Artwork von "Horses" erahnen: Patti Smith nimmt die androgyne Pose von David Bowie ein, in dem sie sich in einem Herrenanzug ablichten lässt, selbigen dabei locker über die Schulter geworfen. So etwas war im Jahre 1975 tatsächlich noch Revolution. Kein Spass.

Geändert von Bad Moon Rising (04.03.10 um 22:54 Uhr).
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  #30  
Alt 05.03.10, 21:54
Benutzerbild von spreewaldgurkenfee
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Ah, endlich mal wieder ein Album, das ich auch kenne. @Patti Smith
"Elegie" betrachte ich als die Krönung des Albums, nie in meinem Leben eine schwärzere Klavier-"Ballade" gehört.


Ansonsten ein wunderbarer Thread, der mir Bands/Alben nahebringt, die mich bisher eigentlich immer nur so rudimentär interessiert haben.
__________________
When I was young, I invented an invisible friend called Mr. Ravioli. My psychiatrist says I don't need him anymore, so he just sits in the corner and reads.
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  #31  
Alt 05.03.10, 22:01
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Magma - Mekanïk Destruktïw Kommandöh (1973)

Es gibt nur sehr wenige Bands, welche eine eigene Sprache entwickeln. Und es gibt noch wenigere Bands, die ein eigenes Genre begründen. Magma stehen für beides. Kobaianisch heisst die Sprache, entlehnt vom Planeten Kobaia, auf welchem sich die kompletten Geschehnisse der einzelnen Magma-Alben abspielen. Zeuhl ist der Name des begründeten Genres.

Spirituell tief beeindruckt von John Coltrane, der kurz zuvor verstorbenen Legende des Jazz, musikalisch stark beeinflusst von Igor Stravinsky und Carl Orff, gründete der Schlagzeuger, Christian Vander, im Jahre 1969 in Paris die Band. Mit dem Ziel sich von der zeitgenössischen französischen Rock- und Popmusik abzuheben, die damals angelsächischen Vorbildern hinterherhechelte. Konsequent verfolgte Christian Vander seine Intention einer spirituellen, ekstastischen Musik und verschliss dabei im Laufe der Jahre unzählige Musiker. Die äußerst harte Magma-Schule erwies sich aber als fruchtbar für die französische Musikszene: Viele der alten Mitstreiter von Christian Vander gründeten eigene Gruppen, in denen sich einige typische Elemente des Magma-Sounds wiederfanden. Auch dutzende junge Bands - in Frankreich zunächst, später in der ganzen Welt - liessen sich von Magma inspirieren, trotz oder eher wegen der bizarren utopischen Mythologie der Band und ihres düster-martialischen Auftretens. Freilich auch wegen der mitreissenden Musik, die man als imaginären Soundtrack zur Bombadierung von Dresden im Jahre 1945 bezeichnen kann - manche machen sich es etwas einfacher und sprechen von einer klingonischen Oper.

Besonders eindrucksvoll gelang der Band dieses Kunststück, während ihrer auf dem 1973 veröffentlichem Album "Mekanïk Destruktïw Kommandöh" dargebotenen mitreissenden, majestätischen Tour de force, welche mit grieskrämigen Akkorden und einem völlig für sich stehenden zwischen geflehtem und befehlendem pendelten Gesang eingeleitet wird. Daraus entläd sich in der Folgezeit ein unnachgiebiger Mahlstrom, der eine musikalische Orgie nach der anderen einleitet und wieder einfängt. Magma scheinen nur ein Ziel zu kennen: Den Hörer ständig zwischen Ekstase und Ohnmacht vor sich herzutreiben - letzlich vermag der Hörer nicht mehr steuern zu können, in welchem Stadium er sich gerade befindet. Ihre dabei entstandene wüste, erschöpfende Schöpfung scheint nicht nur, nein, sie ist grenzenlos. Kernige, treibende Rhythmen und ein pulsierendes Bass-Riffing gehen einher mit machtvollen, hohen Türmen aus Bläsern sowie dem erzeugten Sog aller beteiligten Instrumente. Umnachtet vom unablässigen Chor in einer barbarischen Sprache, die wie auch die Musik, völlig fernab von allem Weltlichen liegt. Ist dies etwa eine verdammte religiöse Erfahrung?

"Mekanïk Destruktïw Kommandöh" ist eine fremdartige, fordernde, formschöne, finstere und filigrane Platte. Absolut einmalig und ebenso grossartig. Mir bleibt in schöner Regelmässigkeit die Spucke weg.

Geändert von Bad Moon Rising (05.03.10 um 22:04 Uhr).
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  #32  
Alt 06.03.10, 14:55
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Henry Cow - In Praise Of Learning (1975)

Henry Cow, benannt nach Henry Cowell, dem amerikanischen Komponisten irischer Abstammung, hatte sich Ende der 60er-Jahre als linke Studentenkommune in London gegründet. Im Unterschied zu manchen Sloganeering-Dilettanten jener Zeit operierte sie textlich wie musikalisch auf höchstem Niveau, vergleichbar nur mit den komplexesten Passagen im Werk von Frank Zappa. Henry Cow stammten aus dem näheren Umfeld von Mike Oldfield und der Canterbury-Szene (Soft Machine, Caravan, Hatfield And The North usw.).

1974 nahmen Henry Cow zusammen mit Slapp Happy, eine deutsche Krautrock-Formation, deren Album "Desperate Straights" auf. Die Zusammenarbeit und das Resultat der selbigen verliefen und gerieten so gut, dass man beschloss, die beiden Bands unter dem Dach von Henry Cow zu fusionieren. Als Schöpfung dieser Vereinigung entstand für die Nachwelt das 1975 veröffentlichte Album "In Praise Of Learning".

"War" leitet eben jene Platte ein. Mit seinem äußerst seltsamen Rhythmus und seiner selbst für die damalige Zeit allgemein unorthodoxen Machart schmieden Henry Cow mit diesem zwar sehr kurzen, aber dafür sehr effektiven Song eine Brücke zu Faust. Möglicherweise hat man sich das eine oder andere bei der ein Jahr zuvor stattgefundenen gemeinsamen Tournee von der Krautrock-Band abgeschaut. Danach kehrt man wieder in den klassischen Henry Cow-Kosmos ein, wie man ihn auch schon auf den Alben "Legend" und "Unrest" vorgefunden hatte: ein anspruchvolles Klang-Kaleidoskop zwischen Rock, Avantgarde, Jazz und Neuer Musik. Im Gegensatz zu früher zusätzlich noch mit dem Gesang von Dagmar Krause veredelt. Wobei ihre Stimme desöfteren als lautmalerisches Instrument eingesetzt wird und ihre annäherend penetrante Akzentuierung zudem einen ganz besonderen Reiz und Charme entfaltet. Erstmalig so zu hören im langen von einem rotzigen Gitarrenlauf eingeleitetem "Living In The Heart Of The Beast" - Komplexität ohne Kompromisse, die zwischen den beiden Extremen und völlig gegensätzlichen Polen der totalen Organisation und der vollkommenen freien Improvisation ihren Weg in die Gehörgänge bannt und zugleich eine der besten und bittersten Bilanzen des Scheiterns der 68er-Generation abbildet. Textlich bewegen sich Henry Cow ohnehin auf politischem Terrain mit stets verklausulierter Abfolge. Aus ihrer Gesinnung machte die Band sowieso nie einen grossen Hehl. Es hat schon seine Berechtigung, wenn sich die Band auf einem von der Kommunistischen Partei organisierten Festival ablichten lässt, und das daraus resultierende Foto das Backcover des beiliegenden Booklets schmückt.

Doch wieder zurück zur Musik: "Beginning: The Long March" ist einer von drei Tracks der Platte, der auf Grundlage experimenteller Improvisation fusst - eine wahrhafte Spezialität dieser Band. Die anderen beiden Stücke diesbezüglich sind "Morning Star" und "Lover Of Gold". Dieses Trio bewegt sich auf einem anstrengendem, schrägen, seltsamen aber auch ungemeinen spannendem Boden mit unzählig vielen avantgardistischen bis atonalen Falltüren, während "Beautiful As The Moon - Terrible As An Army With Banners" mit seiner Struktur fast schon gewöhnlichen Song-Charakter besitzt. Es wäre auch das einzige Stück dieser Platte, dem ich das bescheinigen könnte, wenn da nicht diese Sprengfallen wären, die auch dieses überwiegend vom Piano bestimmte und beinahe schon hymnenhafte Liedgut immer wieder aufsuchen würden, was einmal mehr beweist: Henry Cow hatten es sich noch nie einfach gemacht - weder sich selbst, noch ihre Musik und schon gar nicht dem Hörer.

Wobei letzterer im Gegensatz zur Band selbst aufgrund der Musik belohnt wird, denn obwohl zwei der Mitglieder zu gewissen Avantgarde-Ruhm kamen - Fred Frith als Gitarren-Experimentator und späterer ebensolcher Komponist sowie Chris Cutler unter anderem als Drummer von Cassiber -, bleibt die kommerzielle Erfolglosigkeit dieser Band eine Weltschande. Bertolt Brecht, Kurt Weill und Hanns Eisler hätten sich nach einem solchen Ensemble die Finger geleckt.

Geändert von Bad Moon Rising (06.10.11 um 16:43 Uhr).
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  #33  
Alt 08.03.10, 20:52
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Nico - The Marble Index (1969)

Während auf ihrem Debütalbum "Chelsea Girl" die eigens für sie von Hochkarätern wie Lou Reed, John Cale, Bob Dylan oder Jackson Browne geschriebenen Songs in den nicht von der Künstlerin autorisierten Flöten- und Streicher-Arrangements mehr oder weniger untergingen, hielt Nico auf "The Marble Index" alle Fäden selbst in der Hand, nach dem sie von Jim Morrison dazu ermutigt wurde, es doch mit eigenen Songs zu versuchen.

"The Marble Index" entstand unter dem Einfluss von Heroin. Ein zentraler Effekt der Droge ist, dass sie dem einnehmenden Menschen augenblicklich auf sich selbst zurückwirft. Nach außen gerichtete Bedürfnisse wie Kommunikation oder Sex verlieren ihre Bedeutung. "The Marble Index" ist Ausdruck dieser selbst gewählten blickdichten Isolation. Nico überliess sich dabei vollkommen den Ausgießungen ihres Unterbewusstseins: Traumbilder, Gefühle, Erinnerungen, Hoffnungen fliessen ineinander und bilden einen klaustrophobischen Gemütssog, der alles mit sich fortreisst. "The Marble Index" ist keine Platte, der man lauscht, sondern es ist ein Abgrund, den man hinabfällt. Beschallt wird dieser Abgrund von den Drones des von Nico unvergleich bedienten Harmoniums, ihrer tiefen Stimme sowie allerhand flirrenden Klangpartikeln, erzeugt von Glockenspiel, Gitarre, Bass, Mundorgel, Piano, Spinett, elektrischer Bratsche und Bootmannspfeifen. Verantwortlich für das revolutionäre Arrangement der acht nachtummantelten Lamentos, die sich zwischen mittelalterlichem Folk, Avantgarde und klassischer Moderne bewegen, war John Cale, der hier quasi ein ganzes Orchester ersetzte. Ganz tief unten im Abgrund schlagen solch dunkel pochende Herzen wie "Frozen Warnings" oder "Evening Of Light". Lichtblicke gibt es keine - alles finster.

Versinnbildlicht wird dies auch vom Cover-Artwork, in welchem Nico für eine relativ kurze Zeit mit aufgerissenen Augen, ohne mit der Wimper zu zucken in diese Finsternis starrt. Sie liefert sich dabei völlig dem aus, was ihr dort begegnet, um es dem Hörer auf dem Album zu beschreiben, wie das ist. Das, was sie berichtete, geriet dabei so authentisch, dass es sie selbst überdauert hat.

Drei weitere Einspielungen sollten noch auf das Konto der Zusammenarbeit von Nico und John Cale gehen - "Desertshore", "The End" und "Camera Obscura". Doch bei aller Wertschätzung und individueller Klasse erreichte keines dieser Alben mehr die düstere Meisterschaft von "The Marble Index", das ursprünglichste, aber auch das schwerstverdaulichste Werk von Nico.

Geändert von Bad Moon Rising (08.03.10 um 20:56 Uhr).
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  #34  
Alt 08.03.10, 21:07
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He, noch ein Album, das ich kenne!


Ich habe bis heute nicht annähernd das Gefühl, wirklich bis zum Kern des Albums vorgedrungen zu sein, merkwürdigerweise hat es mich praktisch bereits mit dem zweiten Durchgang so in sich verschlungen und so tief beeindruckt, dass ich es ohne langes Zögern bei meinen 46 Lieblingsalben aller Zeiten aufnahm. Und überhaupt, "Evening of Light"...kann mich nicht erinnern, jemals bei einem Song derart Angst (!) gehabt zu haben. Dieses Spinettklimpern, wie feines, unnachgiebiges Kratzen im Hals, bis man merkt, dass man gerade innerlich aufgefressen wird, dieser musikalische Bombenhagel gegen Ende...Diamanda Galas und Elend mögen teilweise eine ähnliche Wirkung bei mir erzielt haben, aber selbst da...

Gebt mir ein G...
Gebt mir ein R...
Gebt mir ein O...
Gebt mir ein S...
Gebt mir ein S...
Gebt mir ein A...
Gebt mir ein R...
Gebt mir ein T...
Gebt mir ein I...
Gebt mir ein G!

__________________
When I was young, I invented an invisible friend called Mr. Ravioli. My psychiatrist says I don't need him anymore, so he just sits in the corner and reads.
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  #35  
Alt 14.03.10, 21:49
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John Cale - Music For A New Society (1982)

John Cale hat in seiner Karriere eine erstaunlich grosse Anzahl an Alben veröffentlicht, auf denen Musik erklingt, wie sie unterschiedlicher und vielfältiger nicht sein konnte. Angefangen hatte er als Student unter dem legendären Avantgarde-Musiker, La Monte Young, im New York der 60er-Jahre. Er war Teil dessen Ensemble, The Dream Syndicate, bevor er sich der Rockmusik zuwandte und als Viola-Spieler und Bassist ein Mitglied von The Velvet Underground wurde. Nach Meinungsverschiedenheiten mit Lou Reed stieg John Cale aus und begann eine Karriere als Solokünstler - aber auch als Produzent: eine Tätigkeit, bei der ihm oft mehr Erfolg beschieden war als mit seinen oft unterschätzten Platten, die bis auf wenige Ausnahmen einen gewissen Underground-Status behielten.

Eines dieser Alben ist "Music For A New Society", ein äußerst seltsames kaltes Meisterwerk. In dieser kulturpessimistischen, düsteren Endzeitvision experimentiert John Cale mit Klängen, die nicht von ungefähr an Brian Eno erinnern. Das Erstaunliche jedoch ist, dass sich zwischen den vollkommen Distanz schaffenden Synthesizer-Landschaften und einem beinahe schon vor Entrücktheit abweisenden Gesang - vorgetragen in einer Rauhheit, welche Risse in die Haut des Hörers und damit die Wunden noch offener legen kann als es die Musik selbst schon vermag -, sich einige wirklich fabelhafte Melodien einschleichen, die poppig hervorkriechen aus dem ansonsten schier bodenlosen Abgrund. Als wollte John Cale der Außenwelt sagen: Ich habe tolle Songs, doch der Zeitgeist will sie vernichten. Mit diesem Spiel verdeutlicht er seine Intention, in welcher er sich eine neue Gesellschaft wünscht, wobei er dabei zu keiner Zeit politisiert oder poltert, wie es doch der ziemlich drastische Albumtitel suggeriert, sondern eher in zahlreichen Skizzen und Miniaturen beschreibt.

Wenn man sich frühere Werke von John Cale anhört, denen zwar auch in seltensten Fällen die Sonne vor Fröhlichkeit aus dem Arsch schien, fragt man sich, wenn man Musik und Texte von "Music For A New Society" auf sich wirken lässt, was John Cale seinerzeit für ein Innenleben gehabt haben muss. Es ist in seiner Intensität immerhin sein finsterster Stern - in seinem Werk ohne Beispiel.

Dabei kann man zur Erkenntnis kommen: Ein Mensch zu sein, bedeutet, leiden zu müssen. Das Kommunizieren kann innnerhalb der Gesellschaft, welche John Cale beschreibt, genauso schwer fallen wie das Sterben. Und die Irrwege des Lebens sind unergründlich, da das Leben in der Gesellschaft, welche John Cale beschreibt, ein einziger Abgrund ohne Boden ist - sieht man einmal davon ab, dass es in der Zustandsbeschreibung des Künstlers zahlreiche Netze und doppelte Böden gibt. Egal ob es nun ein einziger Abgrund ohne Boden - Hoffnunglosigkeit, Freudlosigkeit, Isolation und Kommunikationsunfähigkeit - oder mehrere Netze und doppelte Böden - Verwirrung, Intrigen, Lügen und Falschheit - sind, die vor dem bodenlosen Abgrund dazwischen liegen, teilt man beim tristen Genuss von "Music For A New Society" das Anliegen von John Cale in uneingeschränktem Maße und pflichtet diesem bei.

Geändert von Bad Moon Rising (03.05.10 um 03:39 Uhr). Grund: Intensität
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  #36  
Alt 25.09.11, 23:09
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Sonic Youth - Daydream Nation (1988)

Schon auf den beiden Vorgängeralben "EVOL" und "Sister" hatten Sonic Youth ihren experimentell zerklüfteten, kakophonischen Noise-Rock dominiziert. Auf dem Doppelalbum "Daydream Nation" allerdings geschah das so melodisch bezwingend und suggestiv, wie die Band es bisher nicht wiederholen konnte. Sie transzendierte hier das betont überkandidelte Konzept ihrer frühen Schöpfungen, in dem sie es ebenso konsequent wie gekonnt in klassische Rockstrukturen überführte. So entstand ein energetischer, nachvollziehbarer, aber dennoch komplexer und artifizieller Bastard, der das Beste aus beiden oder besser gesagt aus dutzenden Welten vereinte.

Als Beispiel könnte man das herausfordernd polternde, mit Fuzz-Gitarren moderat geschrubbte " Teen Age Riot" nehmen, das Thurston Moore im Kontrast zu den aufrührerischen Lyrics mit entspannten, melodieseligen Gesangslinien in Richtung des Pop sublimiert. Oder "Silver Rocker": Ein nur noch leicht angeschrägter, im Kern straighter, durchaus geradeaus nach Vorne abgehender Rocksong, der in seinem mittleren Teil für kurze Zeit, beinnahe schon alibimässig von einer Noise-Attacke der Gitarren überfallen und überlagert wird. Oder "'Cross The Breeze", ein aufgedrehter Off-Beat-Stampfer, der, kurz bevor Kim Gordon aus der Ecke kommt, um zu ihrem betont dilettantischen Shouting anzusetzen, abhebt - mit einer verträumten Melodie, die eine Atmosphäre ausstrahlt, die auch der im Hintergrund agierende Lee Ranaldo, der sich gerade an der Dekonstruktion eines Gitarrensolos versucht, nicht mehr kaputt machen kann. Und nicht zuletzt das wunderbare "Candle": Auch hier geht es zwischenzeitlich ganz schön schräg zur Sache, aber die beiden Picking-Gitarren kommen immer wieder zusammen, verweben sich zu einem dichten, komplexen und harmonischen Klangteppich.

"Daydream Nation" ist eine grandios heterogene Melange aus Post-Punk, New Wave, Hardcore, Hard-Rock und dem Intellektualismus der Ostküste, immer so harmonisch wie möglich und nur so avantgardistisch und lärmig wie nötig. Die Kernbotschaft des in ein Gemälde von Gerhard Richter gehüllten und mit bitterbösen und doppeldeutigen Lyrics gespickten Doppelalbums könnte lauten: Kunst macht Spass. Ein kunstvoller Spass, der ständig zwischen Tagtraum und nächtlichem Trauma taumelt.
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  #37  
Alt 01.10.11, 15:58
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Amon Düül II - Yeti (1970)

War bereits ihr Debütalbum "Phallus Dei" ein Erweckungserlebnis für das sich gerade bildende deutsche Rockbewusstsein gewesen, gelang der Band mit dem nachfolgenden "Yeti" ein gewaltiger Schritt nach Vorne. Und sie durchtrennte mit diesem Album endgültig die Nabelschnur zwischen sich und Amon Düül, der dilettierenden und agitierenden Urformation, von der sie sich zwei Jahre zuvor abgespalten hatte. Zwar hatten auch Amon Düül den Psychedelic Underground im Visier, doch es war an Amon Düül II diese Losung mit Leben zu erfüllen.

Die in einem unruhigen Umfeld agierende Gruppe hatte sich der Urgewalt eines Jimi Hendrix, die Abgehobenheit einer Band wie Pink Floyd, das Verschrobene eines Frank Zappa und die Entfesselungskunst eines John Coltrane zu Eigen gemacht, um daraus einen individuellen Klangsud zu destillieren. "Burning Sister" gab dabei mit seinen weiß glühenden Gitarren, mit seinen wüsten Trommelhieben, mit seinen agressiven Bassläufen und neurotischem Wechselgesang die Marschrichtung vor. Von Anfang an wird eine bedrohliche Grundatmosphäre aufgebaut, die auch in den acht nachfolgenden Stücken nicht nachlässt. Von diesen hervorzuheben sind besonders das gewaltige "Halluzination Guillotine", bei dem die Band ihren Möglichkeiten sehr nahe kommt, der donnernde "Flesh Coloured Anti-Aircraft Alarm", bei dem Chris Karrer seine elektrisch verstärkte Violine wie in Fieberträumen drangsaliert, "Archangels Thunderbird", die erste Single von Amon Düül II, der janusköpfige "Cerberus", dessen betörendem Akustikeinstieg ein unheilvolles Finale der elektrischen Gitarren gegenübersteht, "The Return Of Ruebezahl" mit seinem schlummernden dröhnigen Riffing und "Eye-Shaking King", der brutale Amalgam aus düsterer Psychodelia und metallischem Hard-Rock, das sogar Black Sabbath hinter sich lässt.

Die zweite Hälfte des Albums ist - ähnlich wie "Tago Mago" von Can - ganz der Improvisation gewidmet. Das achtzehnminütige Instrumental "Yeti" und dessen Anhängsel "Yeti Talks To Yogi" bilden eine trippige Gitarrenmeditation, einen dunklen Mahlstrom, in dem sich der Hörer verliert. Die Band verschleppt und forciert hier immer wieder äußerst effektvoll das Tempo und experimentiert mit der Dynamik. "Sandoz In The Rain" schliesslich ist der versöhnliche, ruhige Abschluss dieses im Ganzen wutschnaubenden Opus. Eines Albums, dessen Grösse zweifellos die bis heute existierende Formation überdauern wird.
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  #38  
Alt 05.10.11, 02:05
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Can - Tago Mago (1971)

Can waren eine Band, die mit jedem neuen Album wieder ganz am Anfang stand. So auch anno 1971, als Irmin Schmidt, Holger Czukay, Michael Karoli und Jaki Liebezeit mit "Tago Mago" die erste vollständige Platte mit Damo Suzuki, welcher Malcolm Mooney als Sänger abgelöst hatte, aufnahmen. Malcolm Mooney war vom Blues gekommen und hatte vor allem Puls und Power in den Stimmbändern. Damo Suzuki war feinsinniger, um nicht zu sagen psychedelischer. Allein seine Anwesenheit war von unglaublicher Inspiration für die vier Stammitglieder von Can. Er erfand spontan Melodien, sein Gesang wirkte wie ein Katalysator, der auf kongeniale Art und Weise die Codes und Signale der Instrumente auffing und weitergab. Der schmächtige Japaner war wie ein Seismograf, der hochsensibel auf die Schwingungen seiner Umgebung reagierte und diese verstärkte. Gegenüber der erdrückenden Schwärze von "Monster Movie" war "Tago Mago" plötzlich ein explodierender Regenbogen.

Das Album besteht aus zwei Teilen, die sich in den beiden Platten der ursprünglichen Doppellangspielplatte manifestieren. Die erste Hälfte schliesst noch an den Errungenschaften von "Monster Movie" an, während die zweite Hälfte aus freien Improvisationen und Klangexperimenten besteht. Letztere wurden von Holger Czukay in technischen Umbauphasen mitgeschnitten. Beide Komponenten zusammen genommen ergeben eine Art kollektiven Bewusstseinsstrom. Die visionäre Grösse des Albums in seiner Gesamtheit bestand in dem avantgardistisch ausgeglichenen Verhältnis von Improvisation und Post-Produktion.

"Tago Mago" setzt ein mit den sanften fernöstlichen Melodien von "Paperhouse", dem galaktisch anmutenden "Mushroom" und dem genauso explosiven wie geheimnissumwitterten "Oh Yeah", auf welchem rückwärts gesungen wird. Die pochenden wie nicht nachgebenden Rhythmen des nachfolgenden "Halleluwah", die Jahre später von Primal Scream für "Kowalski" gesampelt wurden, leiten in Verbindung mit der funkigen Gitarrenarbeit von Michael Karoli und den Tape-Loops von Holger Czukay die Phase der Improvisation ein. Im Kontrast dazu gibt es kreischende Violinen und Geräusche, die dem noch nicht existenten Industrial recht nahe kommen. Alles dazu angetan, um auf das psychodelische Finale zu zusteuern. "Aumg" dehnt die Experimente noch weiter aus. Ein Mantra von Irmin Schmidt wird von finsteren Ambient-Klängen zur Strecke gebracht und begraben. Nach diesen musikalischen Härtetests freut man sich geradezu auf ein bißchen Erholung, die Can dem Hörer mit "Bring Me Coffee Or Tea" einräumen.

In gewisser Weise ist "Tago Mago" ein historisches Paradoxum. Das Album gilt zwar nicht zu unrecht als konsequentestes und langfristig auch einflussreichstes Beispiel der offenen Klangphilosophie von Can. Und doch entspricht es mehr dem Zeitgeist der frühen 70er-Jahre als zuvor "Monster Movie", welches zwei Jahre zuvor absolut allein für sich stand. "Tago Mago" klingt wie die Quintessenz aller Errungenschaften von Fusion, Psychodelia und elektronischer Musik der damaligen Zeit. Can sind zu gleichen Teilen maßlos und reduziert, ja, die ausuferndsten Parts sind nicht selten zugleich die diszipliniertesten.

Die fast schon extremistische Ausschöpfung der polaren Prinzipien von elegischer Stille und eruptiven Noise, von eisigem Kalkül und brennnender Leidenschaft macht bis heute die Stärke von "Tago Mago" aus. Hier ging es nicht nur um musikalische Strukturen, sondern auch darum, in einer Gesellschaft, die sich ein Vierteljahrhundert nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen Erstarrung und Erneuerung wiederfand, das kreative Individuum mit all seinen Widersprüchen zu postulieren.
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  #39  
Alt 07.10.11, 03:07
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du wirst mir langsam sympathisch, Bad Moon Rising!

Amon Düül II - ein meilenstein des krautrock!

aber auch John Cale, Magma und Nico finde ich äußerst geil...
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  #40  
Alt 08.10.11, 22:24
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Joy Division - Unknown Pleasures (1979)

Zehn Songs voller morbider Faszination, die so brutal nüchtern klingen, als wären sie anno 1979 in leerstehenden Werkshallen von desillusionierten Langzeitarbeitslosen eingespielt worden. Düstere Hymnen, von unerhörter Dichte, die in ihrer Gesamtheit und Geschlossenheit vertonte Katharsis darstellten, entstanden aus den Trümmern des Punk und doch konzipiert für die Ewigkeit. Mehr als jede andere zeitgenössische Band fungierten Joy Division als Schnittstelle zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Der Gesang und die Lyrics von Ian Curtis schildern die innere Revolution einer isolierten Seele, die sich in morbiden Visionen von Einsamkeit, verlorener Liebe, sexueller Verquältheit und dem Horror vor dem Leben erging. Dabei oft mit einer Symbolik unterlegt, die an Jim Morrison (The Doors) erinnert. Der dunkle, kalte und manchmal sehr verzweifelte Bariton von Ian Curtis wird von einem zuweilen von Bernard Sumner beigesteuertem brachialen Riffing der Gitarre, den unwiederstehlichen Bassmotiven von Peter Hook und der innovativen Kombination von akustischem und elektronischem Drumming von Stephen Morris umnachtet. Das Gesamtresultat aus Lyric, Gesang und Musik stellt sich komplett dem Lebensüberdruß und erhebt die Tragödie zu einer in ihrer Intensität unbremsbaren Glorie.

Während "Disorder", der energiegeladene Opener, wie auch "Interzone", der vorletzte Song, die wilden Live-Darbietungen der Band ins Gedächtnis rufen, schickt sich "Day Of The Lords" fast schon doomig wirkend an, hier ist nur noch das auf das Wesentliche reduzierte abgenagte Skelett des Punk übrig. Den trauernden Bass und den trübseeligen Gesang des anschliessenden "Candidate" können auch die Hintergrund sanft vor sich hinbrütenden Relikte des Psychodelia nicht zerstören. Im Gegenteil, denn auch sie verstärken nur die erzeugte Stimmung, in welche man immer tiefer abtaucht. In "Insight" ist es vor allem der vor Angst zitternde Gesang, welcher sich nahtlos der Dunkelheit anschliesst, die von der anschliessenden majestätischen Todeshymne "New Dawn Fades" komplett ausgelöscht wird.

Während das maschinell getaktete "She's Lost Control" das Leben als Epileptiker beschreibt, beschwört das düstere "Shadowplay" die Bilder vom urbanen Verfall und von der Paranoia im damaligen Manchester, das von den Snobisten im Vereinigten Königreich seinerzeit verächtlich als Black Country bezeichnet wurde. Die gesamte Welt von Ian Curtis ist ein grosser schwarzer Schatten, der verfällt wie der dunkle Dub in "Wilderness". Auf dem abschliessenden "I Remember Nothing" schliesslich werden dann auch noch die allerletzten Lichter ausgeschaltet. Die innere Revolution endet und die isolierte Seele verabschiedet sich endgültig von allem jemals dargewesenen Weltlichen, auf ähnliche Weise wie die auf dem gänzlich in schwarz gehaltenem Cover-Artwork sichtbaren Radiowellen eines erlöschenden Sternes. Die Zukunft sollte leider zeigen, dass es sich dabei auch um eine selbsterfüllende Prophezeiung handelte.
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