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| Patti Smith
Die Hohepriesterin der New Wave-Bewegung wurde als Sängerin, Dichterin, Gitarristin und Komponistin zum Kultstar der Punkkultur. Ihre Anhänger verehrten Patti Smith als Schamanin im Land der tausend Tänze und bewunderten ihre aggressive, symbolträchtige Sprache. Anarchistische Heavy-Punk-Klänge veredelte sie mit widersprüchlichen, spitz formulierten Texten und unterstützte ihren unorganisierten Gesang mit nahezu arroganten Genie-Posen. Patti Smith stiess mit einem poetischen Exhibitionismus die Öffentlichkeit vor den Kopf, provozierte die Allgemeinheit und gefiel sich in der Rolle einer intellektuellen Außenseiterin. Geboren am 31. Dezember 1946 in Chicago, Illinois, als Tochter eines Fabrikarbeiters, interessierte sich die junge Patti Smith für Science-Fiction-Romane, Gedichte von Arthur Rimbaud sowie der Literatur von William S. Burroughs und William Butler Yeats. Ihren ersten Job am Fließband gab sie genauso schnell auf wie das College. 1967 kam sie nach Paris und jobbte in Seine-Cafés, spielte bei einem Straßentheater mit und gelangte 1969 über London nach New York. Dort quartierte sie sich mit dem Fotografen Robert Mapplethorpe im berühmten Chelsea Hotel ein, in dem damals Mitglieder von The Velvet Underground, die komplette Andy Warhol-Factory, Jimi Hendrix, Janis Joplin und Bob Dylan ein- und ausgingen oder logierten. Patti Smith verfasste Artikel für Creem und Rolling Stone, gab eine kleine lokale Zeitung heraus und schrieb gemeinsam mit Sam Shepard den Einakter "Cowboy Mouth". Gemeinsam mit dem Musikjournalisten und Gitarristen Lenny Kaye, der erste Aufnahmen als Link Cromwell gemacht hatte, begann sie desweiteren ihre Gedichte zu vertonen. Im Verlauf der 70er-Jahre veröffentlichte Patti Smith die Lyrik-Bände "Witt", "Kodak", "Seventh Heaven" und "Babel". Im Sommer 1974 nahm sie ihre Version von "Hey Joe" für das Plattenlabel Mer Records von Robert Mapplethorpe auf, in der Patti Smith die damals gerade aktuelle Entführung von Patty Hearst, der Enkelin des Zeitungsmagnaten William Randolph Hearst, verarbeitete. Beeinflusst von Jimi Hendrix, The Velvet Underground, The Rolling Stones und Bob Dylan und Dank der Kontakte von Lenny Kaye fand Patti Smith den Zugang zum Musikgeschäft. Außerdem half ihr Allan Lanier, ihr damaliger Lebensgefährte, der mit seiner Band Blue Öyster Cult ihre Komposition "Career Of Evil" herausbrachte. Noch im gleichen Jahr gründete Patti Smith zusammen mit Lenny Kaye, Ivan Kral (Bassist, Gitarrist), Richard Sohl (Pianist) und Jay Dee Daugherty (Drummer) die Patti Smith Group. Mit ihrer rüden, düsteren Show fiel die Band am 01. Januar 1975 beim New Year's Day Extravaganza auf. Dabei lernte Patti Smith nicht nur Yoko Ono kennen, sondern auch Clive Davies, den Chef von Arista Records, der besonders angetan war von dem Live-Auftritt. Infolgedessen wurde ein Plattenvertrag angeboten, den sie dankbar annahm und sich anschickte ihr Debütalbum einzuspielen. "Jesus died for somebody's sins, but not mine" - der erste Satz auf "Horses", dem Debütalbum von Patti Smith, ist bis heute wohl ihr bekanntester. Der Song dazu, "Gloria" - eine Cover-Version, die im Original von Them stammt -, zeigt schon das unfassbare Spektrum ihres Gesanges: wispernd, jauchzend, zischend und heulend. Wie die Band sie antreibt, hat bis heute nichts von seiner Faszination verloren. Die trockene Produktion von John Cale unterstützt die unbedingte Dringlichkeit des kompletten Songmaterials und vermittelt eine bedrohliche Stimmung. "Redondo Beach" bietet einen Reggae-Verschnitt, "Kimberly" ist fast Pop, "Break It Up" ist eine beklemmende Hommage an Jim Morrison, mit Tom Verlaine (Television) an der Gitarre. Doch letzlich ist alles eines: pure Poesie. Am eindrucksvollsten gelang Patti Smith aber "Land", dieses halluzinatorische neunminütige Stück, das nichts mehr mit gewöhnlichem Rock zu tun hat. Es war vertonte Dichtung, genauso wahnsinnig wie verwirrend. Im Herbst 1976 tourte die Patti Smith Group erstmals durch Europa. Wenig später erschien das Album "Radio Ethiopia", das unter dem Einfluss des Aerosmith-Gitarristen Jack Douglas entstand und unter der Firmierung Patti Smith Group veröffentlicht wurde. Es ist weit weniger von wilden Improvisationen geprägt wie "Horses". Die manische Kraft weicht einer schleppenden, hypnotischen Spiritualität. Die Stimme von Patti Smith wird noch tiefer und wieder bringt sie ihr großes Vorbild, Arthur Rimbaud, unter. Der Titelsong ist eine zehnminütige Orgie aus Feedback, Riffsalven und Gedröhne. Die Plattenfirma war davon nicht gerade begeistert. Patti Smith wollte das Material des "Radio Ethiopia"-Albums auf einer USA-Tournee vorstellen und eröffnete dabei in Tampa, Florida, die Show von Bob Seeger. Während ihres Auftrittes stürzte die Dark Lady von der Bühne und brach sich dabei zwei Nackenwirbel. Sie musste neun Monate pausieren und die Verletzung in einem Gipskorsett auskurieren. Innerhalb dieser Schaffenspause entstand unter anderem das neue Album. Irritierte Patti Smith auf ihrem Debütalbum mit männlicher Pose und einer Krawatte, so störte sich bei "Easter" mancher an ihren Achselhaaren. Patti Smith dichtete den gemeinsam mit Bruce Springsteen geschriebenen Song "Because The Night" in ein Liebeslied an Fred "Sonic" Smith um. Es wurde ihr bis dahin größter Hit. Einiges mag konventioneller rocken, kompakter und simpler erscheinen, aber Patti Smith - das eigene Außenseitertum in "Rock N Roll Nigger" feiernd - weigerte sich eben, vorhersehbar zu sein. "I don't fuck much with the past, but I fuck plenty with the future." Für den Erfolg von "Easter" absolvierte Patti Smith zwei Welttourneen. Daneben hielt sie Lesungen ab und profilierte sich als talentierte Bleistift- und Kreidezeichnerin. Ihr Rock-Verständniss unterstrich sie unter anderem auch 1979 bei der Übertragung des Rockpalastes vom WDR, die rund zwanzig Millionen Zuschauer verfolgten. Patti Smith stellte aus diesem Anlass die von Todd Rundgren produzierten Songs des neuen Albums "Wave" vor. "So You Want To Be (A Rock'n'Roll Star)" von The Byrds interpretierte sie sinnig, und Patti Smith wollte es wirklich. Die Musik ist emphatischer Rock, in den Songs hallt stets der Gestus von Bruce Springsteen nach. Auf dem Cover-Artwork posiert die Künstlerin hexenhaft als Taubenmutter, sie ist zur Pose erstarrt. "Wave" wird von den Alben der ersten Phase allgemein am wenigsten geschätzt, doch die Stücke sind präzise und ohne Ballast. Allen voran "Dancing Barefoot", einer mystischen Verklärung sexueller Ekstase. "Sex ist eine der der fünf größten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann", erklärte Patti Smith und fügte hinzu, "Bei einem wirklichen Orgasmus kommunizierst du direkt mit deinem Schöpfer.". Mit "Frederick", einer Würdigung an ihren Lebensgefährten und künftigen Ehemann, Fred "Sonic" Smith, einst Gitarrist bei MC5, warf die Platte zudem eine weitere erfolgreiche Hit-Single ab. "Wave" war das letzte Album von Patti Smith für die nächsten neun Jahre. Die Künstlerin lebte in dieser Zeit mit ihrem Ehemann in Detroit, veranstaltete gelegentlich Lesungen und kümmerte sich vor allem um ihre beiden Kinder, Jackson und Jesse. Produziert und inspiriert von Fred "Sonic" Smith liess die Punk-Chansonette 1988 wieder von sich hören. An "Dreams Of Life", so der Titel der Platte, waren Patti Smith, Jay Dee Daugherty und Richard Sohl beteiligt. Den Part an der Gitarre übernahm Fred "Sonic" Smith. Am Bass wechselten sich Kasim Sulton aus der Band von Todd Rundgren und Bob Glaub aus der Band von Jackson Browne ab. Bei allem Getöse um die Veröffentlichung gab es kaum einen Rzensenten, der diese hermetische Lyrik begriff. Der Opener "People Have The Power" ist eindeutig und schlicht, doch Liebeslieder wie das Titelstück und "Looking For You (I Was)" berühren den Bereich intimster Emotionen. Dazu der Libanon und der Koran. Das musikalische Endprodukt klang sehr salbungsvoll, doch da die Umsätze deutlich hinter den Erwartungen zurückblieben, unterbrach Patti Smith ihre Karriere erneut. Am 03. Juni 1990 starb Richard Sohl in Long Island, New York, an einer Herz- und Kreislaufschwäche. Im Mai des darauffolgenden Jahres gab Patti Smith in Ann Arbor, Michigan, eines ihres seltenen Konzerte. 1992 steuerte sie für den Soundtrack des Wim Wenders-Filmes "Bis zum Ende der Welt" den Song "It Takes Time" bei. Im April 1993 erschien ihr Essay "February Snow", und bald darauf folgte die Kurzgeschichtensammlung "Wool Gathering". Am 05. November 1994 erlag ihr Ehemann, Fred "Sonic" Smith, einem Herzinfarkt. Nur einen Monat später ereilte sie die Meldung vom Tod ihres Bruders, Todd Smith. Nach längerer Pause trat Patti Smith im April 1995 in einem Club in Ann Arbor, Michigan, wieder auf und hielt dabei einen bewegenden Nachruf auf ihren Gatten. Ende des Jahres eröffnete sie in Danbury, Connecticut, die US-Northeastern-Tour von Bob Dylan. Im Januar 1996 erschien auf dem Soundtrack zu "Dead Man Walking" mit "Walkin' Blind" endlich wieder ein neuer Song von Patti Smith, die im gleichen Jahr die Laudatio auf The Velvet Underground bei deren Aufnahme in die Rock And Roll Hall Of Fame hielt. Die zweite Wiederkehr von Patti Smith erlebten wir dann 1996 mit dem Album "Gone Again". Fulminant sind die ersten Stücke des Albums. Folkloristisch, das großartige "About A Boy", das zerissene "My Mandrigal", unvermutet wütend und rockend "Summer Cannibals". In der zweiten Hälfte des Albums wird es schwer pathetisch und auch lamoyant, es überwiegt die Predigt, das Lamento und die Verkündung. Die Kritik entschloss sich zur Ehrfürchtigkeit aus Respekt vor diesem Requiem, auf dem Verlust, Vergänglichkeit und Trost lasten. Nur ein Jahr später folgte das Album "Peace And Noice". Nach Frieden klingt auf diesem Album herzlich wenig, nach Lärm dagen schon wesentlich mehr. Musikalisch wird nüchterner Rock dargeboten, der nur manchmal etwas fahl und oft wütend wirkt. Dabei gerät das ganze selten so betörend wie frühere Werke, aber in seiner musikalischen und sogar lyrischen Direktheit doch wieder faszinierend. "Spell" zitiert Allen Ginsberg, während das ganze Album dem am 02. August 1997 an den Folgen eines Herzinfarktes verstorbenen William S. Burroughs gewidmet ist. Michael Stipe (R.E.M.) durfte beim beschwörenden "Last Call" mitsingen. Möglicherweise revanchierte sich Patti Smith dafür, dass sie bei "E-Bow The Letter" auf dem R.E.M.-Album "New Adventures In Hi-Fi" mitmischen durfte. Im Jahr 2000 wurde das mittlerweile achte Album "Gung Ho" veröffentlicht. Hierauf beschäftigt sich Patti Smith noch mehr mit Verlust, Politik und der Suche nach einem Sinn. Die Songs springen einen zwar nicht gerade an, aber die Stimme reisst die akustischen, langsamen Stücke - besonders erschütternd "China Bird" - ebenso raus wie die eher einfach gestrickten Rocknummern. Auf "Glitter In Their Eyes" erinnert Patti Smith sogar an Blondie. Das Gesamtresultat ist trotzdem selten zwingend. Mit der Compilation "Land" verabschiedete sich Patti Smith anno 2002 bei Arista Records. Es wurde ein Doppelalbum mit den bekanntesten - gewiss nicht den besten - Songs aus dem bisherigen Schaffen der Künstlerin und bisher unveröffentlichten Songs, Demo-Aufnahmen, Live-Aufnahmen und einer bemerkenswerten Cover-Version von "When Doves Cry" - im Original von Prince. Sie erhielt einen neuen Plattenvertrag bei Columbia Records. Ihr erstes Album auf dem neuen Plattenlabel wurde "Trampin'" und erschien 2004. Geblieben ist der nach wie vor unverwechselbare Gesang, ergänzt durch eine leichte Tendenz zum Selbstzitat. Doch irgendwie scheint Patti Smith ihren inneren Frieden gefunden zu haben wie sie auf dem Titelstück zum Ausdruck bringt: "I'm trying to make heaven my home, halleluja!". Die poetische Rebellion von einst ist einer warmen Altersweisheit gewichen. Der menschlichen Seite dieser faszinierenden Künstlerin, die innerhalb kürzester Zeit enorme Schicksalsschläge verkraften musste, ist dies auch zu gönnen, doch dem entstandenen Album hilft es nicht wirklich weiter, da die Lieder etwas ereignislos erscheinen. Ausnahmen wie "Stride Of The Mind" oder das dreizehnminütige "Radio Baghdad" bestätigen die Regel. Im März 2007 wurde Pattie Smith in die Rock And 'Roll Hall Of Fame aufgenommen. Sie nahm diese Auszeichnung im Gedenken an ihren letzten Ehemann, Fred "Sonic" Smith", entgegen und gab auf der Veranstaltung ihre Version des Rolling Stones-Klassikers "Gimme Shelter" zum besten. Im gleichen Jahr wurde das Album "Twelve" veröffentlicht, auf dem uns Patti Smith zwölf Cover-Versionen präsentierte. Darunter befinden sich Songs von Jimi Hendrix ("Are You Experienced?"), Tears For Fears ("Everybody Wants To Rule The World"), Crosby, Stills, Nash & Young ("Helpless"), The Rolling Stones ("Gimme Shelter"), The Beatles ("Within You Without You"), Jefferson Airplane ("White Rabbit"), Bob Dylan ("Changing Of The Guards"), Paul Simon ("The Boy In The Buble"), The Doors ("Soul Kitchen"), Nirvana ("Smells Like Teen Spirit"), The Allman Brothers Band ("Midnight Rider") und Stevie Wonder ("Pastime Paradise"). Daneben noch "Everybody Hurts" - im Original von R.E.M. - als Bonus-Track. Geändert von Matthias Holtmann (28.12.08 um 04:54 Uhr) |
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